Naturschutz

Mit dem Naturschutz ist es auch so eine Sache. Wenn ich in Naturdokus sehe, wie beispielsweise Vogelschützer aufwendig seilkletternd zu Greifvogelhorsten aufsteigen, um die dort befindlichen Jungen aus dem Nest zu entnehmen, sie dann abzuseilen, darauf umfassend zu messen und zu wiegen, alle ermittelten Werte gewissenhaft in Dateien und komplizierte Listen einzutragen, zu beringen und evtl. noch mit einem Sender zu versehen, abschließend die Vögel wieder mit Hilfe vom Seilzügen und Säcken zurück in ihren Horst zu bugsieren, denke ich neuerdings immer: Mensch, lasst doch die armen Viecher einfach mal in Ruhe! Nicht nur diejenigen, die die Welt zerstören, sind unermüdlich aktiv, auch solche Beschützer der Natur kennen kein weekend und müssen in rastloser Neugier nach allem grapschen, es erfassen, katalogisieren, organisieren, kontrollieren, nichts soll verborgen und unvermessen bleiben.

Dabei gibt es nichts, was einfacher ist, als der Natur wieder zu mehr Recht und Raum zu verhelfen: man muss – wie jede weiß – dafür gar nichts tun. Alles, was es braucht, um einen Acker oder ein Fußballfeld in einen Urwald zurückzuverwandeln, ist die Fähigkeit, auf den Händen sitzen zu bleiben. Tue nichts und alles ist getan – nirgendwo ist diese daoistische Weisheit des wu wei passender als in diesem Zusammenhang.

Und wieso eigentlich Naturschutz? Wäre es nicht sinnvoller, um nicht zu sagen eleganter, die Aktivitäten, die die Natur bedrohen und zerstören, einzustellen, so dass man sie vor nichts mehr schützen müsste? Naturschutz ohne grundlegende Kultur- und Systemkritik gleicht einer Feuerwehr, die zwar große Fertigkeiten beim Löschen von brennenden Gebäuden entwickelt hat, gleichzeitig aber gänzlich ignoriert, dass sämtliche Strassen der Stadt voll sind mit Brandstiftern, die Tag und Nacht Fackeln in die Häuser werfen.

Wir sind die Bewohner dieser verrückten, brennenden Stadt, wir sehen Straßenzug um Straßenzug niederbrennen, und trotz allem Naturschutz und Nachhaltigkeitsgedöns werden unsere EnkelInnen in verrußten Kellern hausen müssen.

© Matthias Wehrstedt 2020

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