Heuristics & Biases (3) — Der Mere-Exposure-Effekt und die Kritische Theorie

Das Bekannte ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.

G. W. F. Hegel (1770 – 1831)

Teil 3 der Reihe über kognitive Verzerrungen (biases) und Urteilsheuristiken behandelt eine sehr grundlegende irrationale Besonderheit der menschlichen Verstandestätigkeit, und zwar den sogenannten Mere-Exposure-Effekt. Der englische Begriff bedeutet in direkter Übersetzung soviel wie Effekt der bloßen Darbietung, sprachlich eleganter ist die Bezeichnung Vertrautheitseffekt, da auch das englische familiarity effect in der psychologischen Forschung gebräuchlich ist. Gemeint ist die recht simple Tatsache, dass uns vertraute Dinge, Personen und Ereignisse tendenziell angenehmer sind als unvertraute.

Man wird zunächst glauben, diese Behauptung sei trivial, aber seine Meinung vielleicht ändern, wenn man weiß, dass die klassischen Experimente mit sinnlosen Zeichen oder Fantasiewörtern durchgeführt wurden, zu denen die Versuchsteilnehmer keinerlei angenehme oder unangenehme Assoziationen haben konnten. Wird solch ein Zeichen oder Wort ProbandInnen innerhalb einer Reihe häufig gezeigt, so wird es in einer nachfolgenden Befragung positiver beurteilt als Zeichen oder Worte, die die ProbandInnen nur ein oder zweimal gesehen haben (Zajonc, 1968; Zajonc & Rajecki, 1969).

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Heuristics & Biases (2) – Ankereffekte

Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf – es kommt nur auf die Entfernung an.
Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916)

Einige einleitende Worte zur Rationaliät des Menschen

Im unserem schönen Abendlande wurden von alters her große Stücke auf die menschliche Vernunft gehalten. Insbesondere seit der Aufklärung erhoffte man sich die Lösung aller Menschheitsprobleme durch Anwendung von rationalem Denken, das uns einerseits die Geheimnisse der Natur entschlüssele und so nutzbar mache, und darüber hinaus das soziale Miteinander mittels vernunftgemäßer Reformen der Gesellschaft verbessere. Das klassische Menschenbild des 18. und 19. Jahrhundert war das des zoon logikon, des animal rationale [1], und die Menschheit, so schien es damals vielen, werde auf den Schwingen der Vernunft einer strahlenden Zukunft des immerwährenden materiellen und geistigen Wohlstands entgegen fliegen.

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Heuristics & Biases (1) – Optische Täuschungen

So wenig ein Leser heute die einzelnen Worte (oder gar Silben) einer Seite sämmtlich abliest – er nimmt vielmehr aus zwanzig Worten ungefähr fünf nach Zufall heraus und »erräth« den zu diesen fünf Worten muthmaasslich zugehörigen Sinn –, eben so wenig sehen wir einen Baum genau und vollständig, in Hinsicht auf Blätter, Zweige, Farbe, Gestalt; es fällt uns so sehr viel leichter, ein Ungefähr von Baum hin zu phantasiren. Selbst inmitten der seltsamsten Erlebnisse machen wir es noch ebenso: wir erdichten uns den grössten Theil des Erlebnisses und sind kaum dazu zu zwingen, nicht als »Erfinder« irgend einem Vorgange zuzuschauen. Dies Alles will sagen: wir sind von Grund aus, von Alters her – an’s Lügen gewöhnt. Oder, um es tugendhafter und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr Künstler als man weiss.

Friedrich Nietzsche  (Jenseits von Gut und Böse)

Nachdem ich zuletzt näher erklärt hatte, was es mit der Psychologie von Schnellem und Langsamem Denken auf sich hat, will ich jetzt in einer kleinen Fortsetzungsreihe einige für den Menschen typische kognitive Verzerrungen (engl. biases) vorstellen. Zur Formel „heuristics and biases“, die sich als Bezeichnung für die entsprechende Forschungstradition eingebürgert hat, mehr im 2ten Teil. Zunächst soll aber gezeigt werden, dass der Prozess der (Selbst)Täuschung manchmal schon vor der eigentlichen Kognition (also dem, was wir im engeren Sinne Denken und Urteilen nennen) beginnt, nämlich bei der Wahrnehmung. Und das kann ebenso aufschlussreich wie unterhaltsam sein, wie man sehen wird…

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Die Deutschtürken und das Verfassungsreferendum

Ich war ja zunächst auch schockiert und verärgert: 63 % der deutschen Türken stimmten beim Verfassungsreferendum für die Weiterführung von Erdogans Kurs Richtung Diktatur! In der Tat gruselig und absolut unverständlich. Und entsprechend tönt es jetzt auch vielerorts aus rechten wie auch aus religionskritischen Kreisen (bspw. Hamed Abdel-Samad auf Facebook), dass die Deutschtürken* nicht integrierbar seien, in die Türkei ausgewiesen gehörten, für den Weg zurück in die Steinzeit gestimmt hätten etc. etc. Wenn man sich die genauen Zahlen zur türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland und zur Anzahl der Wahlberechtigten ansieht, relativiert sich das Bild aber doch sehr.Weiterlesen »

„Experiencing is believing“ – Die neuen Rechten im Lichte von Dual-Process-Theorien

It’s so easy to love it’s so easy to hate
it takes guts to be gentle and kind
The Smiths / Morrissey: I know it’s over (1986)

Dass der momentan weltweit stattfindende Rechtsruck weniger mit politischem Diskurs im herkömmlichen Sinne als vielmehr mit dem (Wieder)Erwachen grundlegender und archaischer emotionaler Bedürfnisse in großen Teilen der modernen Gesellschaften zu tun hat, wurde schon von verschiedenen Seiten festgestellt. Eines der elementarsten dieser Bedürfnisse könnte man grob mit der Überschrift „Fühlen statt Denken“ versehen. Etwas präziser müsste es wohl heißen „Schlichtes, müheloses und direktes Fühlen statt anstrengendem, differenziertem Denken“. Die unmittelbare, direkte Empfindung, die sich ohne zergliederndes und sorgsames Abwägen aller Aspekte einer Fragestellung einstellt, soll die neue Leitlinie sein, sowohl bei der Erklärung der Welt als auch bei moralisch-ethischen Fragen. Die Wirklichkeit – so insgeheim das Credo der Fans von Trump und Konsorten – möge doch bitte so einfach beschaffen sein, dass man sagen kann „Ich fühle, dass es wahr ist, also ist es wahr“. Und ihre innere Wirklichkeit, die ist tatsächlich so einfach beschaffen.Weiterlesen »

Der unkontrollierte Körper ~ Der Mythos vom steuernden Gehirn ~ (Teil I)

Die Natur hat keinen Anfang und kein Ende. Alles in ihr steht in Wechselwirkung, alles ist relativ, alles zugleich Wirkung und Ursache, alles in ihr ist allseitig und gegenseitig; sie läuft in keine monarchische Spitze aus; sie ist eine Republik.
Ludwig Feuerbach

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1. Das Gehirn als Kontroll- und Steuerungsorgan

Die moderne Neurowissenschaften und ihre Teildiziplinen Neurologie, Neurobiologie, Neuropsychologie, Neurophilosophie usw. sind seit einigen Jahren auch für ein breiteres Publikum immer interessanter geworden, versprechen sie doch ganz neue Erkenntnisse bezüglich der Sicht des Menschen auf sich selbst und bezüglich der Vorgänge, die sich in komplexen biologischen Systeme, sprich: höheren Lebewesen abspielen. Neuerdings gibt es außerdem so seltsame Fachgebiete wie Neurotheologie oder Neuro-Marketing, was die große Wichtigkeit unterstreicht, die den neuen Entdeckungen von einem großen Teil der scientific community und der interessierten Öffentlichkeit beigemessen wird. Ob dabei immer der Mehrwert an Erkenntnis und neuem und anderem Verständnis der Wirklichkeit erzielt wird, den die Vertreter der Zunft behaupten, scheint nicht selten eher zweifelhaft. Dies soll hier aber nicht weiter erörtert werden.

Im Mittelpunkt fast aller neurowissenschaftlichen Untersuchungen und Überlegungen steht das Gehirn. Diese bei höheren Tieren extrem komplexe, hoch vernetzte Ansammlung von Nervenzellen wird als Dreh- und Angelpunkt des gesamten Organismus angesehen. Was die Beziehungen zwischen Gehirn und anderen Teilen des Körpers angeht, so ist die Alltagsauffassung die, dass das Hirn eine Steuerungszentrale ist, die den anderen Teilen des Körpers, insbesondere den Muskeln, per Nervensignalen Befehle sendet, und diese Körperteile dann „im Sinne des Gehirns“ funktionieren. Das Gehirn wird gedacht als beherrschendes Organ des Körpers, als die „monarchische Spitze“ aus dem Feuerbachschen Eingangszitat, die über den restlichen Organen thront und sie steuert und befehligt. Vermutlich werden die allermeisten LeserInnen diese Ansicht intuitiv teilen.Weiterlesen »

Laurie R. Santos über Beeinträchtigungen durch „Perspektivansteckung“ ~~~ Ein Nachtrag zu „Herr K. und die neuen Rechten“

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Hier noch ein Postscriptum zum Artikel „Herr K. und die neuen Rechten“. Der aktuellste Text der US-amerikanischen Wissenschaftsseite www.edge.org handelt wie auch mein Text von dem sozialen Ansteckungseffekt, dem Menschen unterliegen. Die Yale-Psychologie-Professorin Laurie R. Santos berichtet in ihrem Beitrag „Glitches“ (= Pannen, Störungen) wie psychologische Forscher in den letzten Jahren klarer herausgearbeitet haben, dass Menschen auch im kognitiven und moralischen Bereich unbewusst von schlechten Problemlösungen – mit anderen Worten: von der Dummheit – anderer Menschen negativ beeinflusst werden (in meinem Beitrag ging es ja eher um einen emotionalen Ansteckungseffekt). Santos arbeitet dabei interessanterweise mit Tieren (Rhesusaffen und Hunden), um über die Tier-Mensch-Unterschiede die Funktionsweise der menschlichen Kognition besser zu verstehen. Der recht lange Artikel, der aber in einigermaßen leichtem Englisch geschrieben ist, ist sehr lesenswert; wer es lieber audiovisuell mag: es gibt den Text auch als Video  — beides unter: https://www.edge.org/conversation/laurie_r_santos-glitches . Für alle, die nicht soviel Zeit haben, hier eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:Weiterlesen »