Der unkontrollierte Körper ~ Der Mythos vom steuernden Gehirn ~ (Teil I)

Die Natur hat keinen Anfang und kein Ende. Alles in ihr steht in Wechselwirkung, alles ist relativ, alles zugleich Wirkung und Ursache, alles in ihr ist allseitig und gegenseitig; sie läuft in keine monarchische Spitze aus; sie ist eine Republik.
Ludwig Feuerbach

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1. Das Gehirn als Kontroll- und Steuerungsorgan

Die moderne Neurowissenschaften und ihre Teildiziplinen Neurologie, Neurobiologie, Neuropsychologie, Neurophilosophie usw. sind seit einigen Jahren auch für ein breiteres Publikum immer interessanter geworden, versprechen sie doch ganz neue Erkenntnisse bezüglich der Sicht des Menschen auf sich selbst und bezüglich der Vorgänge, die sich in komplexen biologischen Systeme, sprich: höheren Lebewesen abspielen. Neuerdings gibt es außerdem so seltsame Fachgebiete wie Neurotheologie oder Neuro-Marketing, was die große Wichtigkeit unterstreicht, die den neuen Entdeckungen von einem großen Teil der scientific community und der interessierten Öffentlichkeit beigemessen wird. Ob dabei immer der Mehrwert an Erkenntnis und neuem und anderem Verständnis der Wirklichkeit erzielt wird, den die Vertreter der Zunft behaupten, scheint nicht selten eher zweifelhaft. Dies soll hier aber nicht weiter erörtert werden.

Im Mittelpunkt fast aller neurowissenschaftlichen Untersuchungen und Überlegungen steht das Gehirn. Diese bei höheren Tieren extrem komplexe, hoch vernetzte Ansammlung von Nervenzellen wird als Dreh- und Angelpunkt des gesamten Organismus angesehen. Was die Beziehungen zwischen Gehirn und anderen Teilen des Körpers angeht, so ist die Alltagsauffassung die, dass das Hirn eine Steuerungszentrale ist, die den anderen Teilen des Körpers, insbesondere den Muskeln, per Nervensignalen Befehle sendet, und diese Körperteile dann „im Sinne des Gehirns“ funktionieren. Das Gehirn wird gedacht als beherrschendes Organ des Körpers, als die „monarchische Spitze“ aus dem Feuerbachschen Eingangszitat, die über den restlichen Organen thront und sie steuert und befehligt. Vermutlich werden die allermeisten LeserInnen diese Ansicht intuitiv teilen. Aber offensichtlich sind nicht nur Laien dieser Meinung, sondern auch Neurowissenschaftler äußern sich regelmäßig in gleicher Weise. Ich habe bei meiner Recherche zunächst in drei für Studenten der Psychologie, Medizin oder Biologie geschriebenen Standardlehrbüchern der letzten Jahre nachgeschlagen – in Schandrys „Biologische Psychologie“ (Schandry, 2011), in „Neurowissenschaften“ von Bear, Connors & Paradiso (2009) und bei Pinel in seiner „Biopsychologie“ (2001).

Bei Schandry findet man einleitend zum Kapitel über „Aufbau und Funktion des Nervensystems“ bezüglich der Rolle des Gehirns folgende Aussagen:

„Beschäftigung mit dem Nervensystem bedeutet im Rahmen der Biologischen Psychologie vor allem die Auseinandersetzung mit Funktionen des Gehirns. Schließlich steht das Gehirn als oberste Kontroll- und Steuerungseinheit über den anderen im Körper befindlichen Teilen des Nervensystems.“ (Schandry, 2011, S. 108)

Bei Bear et al. (2009) heißt es bezüglich der Willkürmotorik:

„Das zentrale motorische System ist hierarchisch organisiert, wobei das Vorderhirn die obere und das Rückenmark die untere Kontrollebene bildet.“ (Bear et al., 2009, S. 502)

Und Pinel (2001) pointiert noch stärker, wenn er schreibt:

„Das sensomotorische System wird, genauso wie eine große, effiziente Firma, von Anweisungen gesteuert, die […] durch die einzelnen Ebenen der Hierarchie nach unten weitergegeben werden – von der höchsten Ebene, dem Assoziationscortex bzw. der Firmenleitung, bis zur untersten Ebene, den Muskeln bzw. den Arbeitnehmern.“ (Pinel, 2001, S. 235)

Und bei dem bekannten deutschen Neurowissenschaftler Gerhard Roth schafft es das „steuernde Gehirn“ sogar in den Titel eines seiner Bücher:

„Fühlen, Denken, Handeln – Wie das Gehirn unser Verhalten steuert“ (Roth, 2003).

Auch in vielen anderen einschlägigen Publikationen werden sich, da habe ich wenige Zweifel, viele ähnliche Aussagen finden. Und in populärwissenschaftlichen Fernsehsendungen, Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen ist dies sowieso der gängige Jargon bzw. die selbstverständliche Sichtweise. Das Bild vom Gehirn als Steuerungs- und Kontrollzentrum des Körpers gehört schlicht zur Standard-„Folklore“ in den modernen Neurowissenschaften.

Beim Nachdenken über dieses „Steuerungsparadigma“ kamen mir aber ab einem gewissen Zeitpunkt Zweifel; irgendetwas stimmte hier nicht.  Besonders das Zitat von Pinel ließ mich an den österreichischen Philosophen Ernst Topitsch denken, der in vielen vorwissenschaftlichen, traditionalen Weltauffassungen Deutungsmuster ausmachte, die unsachgemäß aus bekannten menschlichen Zusammenhängen auf natürliche Sachverhalte übertragen werden (Topitsch, 1979). Das althergebrachte Bild vom Löwen als dem „König der Tiere“ oder auch das modernere der Dinosaurier als „Herrscher“ der Kreidezeit sind hier typische Beispiele. Sachlich sind diese Bezeichnungen natürlich Unsinn: weder der Löwe noch die Dinosaurier stehen bzw. standen an der Spitze irgendeiner sozialen Hierarchie der tierischen Organismen; es gibt keine solche Hierarchie – das Bild ist aus rein menschlichen politisch-sozialen Zusammenhängen entlehnt und enthält keinerlei Informationswert, sondern führt latent zu einer Verkennung der tatsächlichen biologischen Wirklichkeit.

Ein weiterer Fall aus der Geschichte der Biologie ist Linnés Ordnung der Pflanzen aus dem Jahre 1749: für Linné stellten die Moose die unterste Schicht der Armen und Mittellosen dar, die Gräser die Bauern, die Kräuter mit ihren schönen Blüten den Adel und schließlich an der Spitze der sozialen Pyramide sah er die Bäume als Fürsten oder Könige (zit. in Peters, 1960). Solche Modelle der Natur nach dem Bild menschlicher Gesellschaften und sozialer Beziehungen nennt Topitsch soziomorph, daneben führt er außerdem technomorphe Modelle (und zusätzlich solche aus der sog. „ekstatisch-karthatischen“ Erlebniswelt des Menschen) an.

So scheint auch in den Neurowissenschaften das Hirn quasi als König über die anderen Teile des Körpers zu herrschen; diese erhalten vom ihm laufend Anweisungen, was sie zu tun oder zu lassen haben, so wird wenigstens durchgängig behauptet. Bei einem aktuellen deutschen Fachzeitschriftenbeitrag ist in der Zusammenfassung von „Kommandoneuronen“ die Rede, die an der „neuronalen Kontrolle“ des Laufens bei Insekten beteiligt seien (Büschges & Schmidt, 2015). Der Bezug zur militärischen Hierarchie ist beim Begriff „Kommando“ offensichtlich.

Sonst ist in der Fachliteratur auch immer wieder von „Kontrolle“ die Rede: Petersen, Cortical Control of Whisker Movement (2014) oder Shenoy et al. (2013), Cortical Control of Arm Movements, beide erschienen in einer der angesehensten neurowissenschaftlichen Fachzeitschriften, der Annual Review of Neuroscience. Das Auffinden dieser Beispiele aus aktuellen Veröffentlichungen, in denen schon in den Überschriften der Artikel von „Steuerung“, „Kontrolle“, „Kommando“ o.ä. des Gehirns oder seiner Teile und ähnlichen Begriffen im Zusammenhang mit neurobiologischen Prozessen die Rede ist, bereitete mir nur geringe Mühe und war in wenigen Minuten bewerkstelligt; die Liste ließe sich sicher nahezu endlos fortsetzen.

Neben den soziomorphen Begrifflichkeiten wird ja auch vom Hirn als „Kontroll- und Steuerungseinheit“ (Schandry, 2011, s.o.) oder vom Frontalhirn als „oberer Kontrollebene“ (Bear et al., 2009, s.o.) gesprochen, also das Gehirn als Schaltzentrale des Körpers aufgefasst. Diese Sichtweise ist nun ein typisch technomorphes Modell im Sinne von Topitsch, so als sei der Körper z.B. ein Kraftwerk, dass von einer Zentrale aus gelenkt wird, oder ein Rangierbahnhof, in dem die einzelnen Weichen von einem Leitstand aus überwacht und gesteuert werden. Weiterhin gebräuchliche Begriffe in diesem Zusammenhang sind Regulierung, Regelung, Leitung, Lenkung, Anweisung, Aufsicht, Beaufsichtigung, Regie, Führung, Befehle usw. (durch das Gehirn). Sind das wirklich sinnvolle Analogien für das, was im Körper höherer Lebewesen vor sich geht? Im Allgemeinen wird angenommen, dass man diese Frage mit Ja beantworten kann. Das Gehirn denkt und lenkt, der Körper folgt, so die gängige Überzeugung.

Betrachten wir die in Frage stehenden Zusammenhänge einmal an einem konkreten Beispiel aus dem Bereich der Willkürmotorik, die die Vorstellung von Steuerung und Kontrolle ja schon im Namen führt. Wenn ich gerade mit den Fingern die Tasten meiner Computertastatur bediene, so scheint klar zu sein, dass sich in meinem Kopf, kurz bevorich die jeweiligen Bewegungen vollziehe, Neuronenmuster gebildet haben, die dann den beteiligten Muskeln in Arm und Hand die Nervensignale senden, die zu den entsprechenden koordinierten Bewegungen führen. Wenn ich kurz darauf entscheide, eine Zigarette zu rauchen, so gibt das Hirn den Befehl an die Rumpf- und Beinmuskeln, eine wohl balancierte Aufstehbewegung zu vollziehen, zum Sofa zu gehen (ich rauche nie am der-unkontrollierte-koerper_abb1Rechner) und mir dort, wiederum in einer vom Hirn choreografierten Bewegungssequenz, einen Glimmstengel anzuzünden. Immer scheint eines klar: Das Hirn steuert die Muskeln – die Neuronenmuster im Hirn sind die Ursache, die anschließenden Kontraktionen der Muskeln sind die Wirkung.

Betrachten wir uns die beschriebenen Zusammenhänge am Beispiel des Textschreibens auf der Tastatur einmal in einer grafischen Veranschaulichung, wie sie in jedem neurowissenschaftlichen Lehrbuch zu finden sein könnte (Abb. 1; Schaubild vereinfacht nach Bear et al., 2009, S. 517). Abb. 1 zeigt die neuronalen Verschaltungen, die bei willkürlichen Bewegungen von Muskeln bedeutsam sind, natürlich grob vereinfacht, wie dies bei Grafiken dieser Art notwendigerweise immer der Fall sein muss. (Wer sich für nähere Details interessiert, findet diese z.B. in Bear et al., 2009, Kap. 14 oder auch bei Roth, 2006.) Die Art der Verschaltungen der verschiedenen Hirngebiete und die genaue Funktionsweise der Neuronennetze bei Willkürbewegungen soll hier keine Rolle spielen; wichtig sind zwei Dinge:

  1. Die einzelnen Ebenen sind in der Reihenfolge von oben nach unten abgebildet, die auch der Position der Organe im Körper eines (stehenden) Menschen entspricht: Ganz oben die beteiligten Gebiete der Großhirnrinde (Cortex), darunter Basalgangli­en und Thalamus als subcortikale Strukturen (es sind mehrere Kerne in den Basal­ganglien miteinander verschaltet, was hier aber nicht interessiert), dann die Medulla oblongata („verlängertes Rückenmark“, ein Teil des Hirnstamms), schließlich das Rü­ckenmark und ganz unten die innervierten Muskeln, die die Bewegungen beim Tip­pen auf einer Computertastatur vollziehen. Hirnteile sind grün, das Rückenmark o­liv­grün und die Muskeln blau
  2. trotz der vielfältigen Verbindungen der Hirnteile untereinander ist dem Betrachter klar, wo die Kausalkette in Bezug auf willentliche Bewegungen beginnt bzw. beginnen soll: nämlich oben, in den ja oft auch so benannten höheren Bereichen des Gehirns, in der Großhirnrinde.

Die Positionen der beteiligten Organe und Hirnzentren in Abb. 1 wie auch in den meisten einschlägigen Grafiken der Fachliteratur kann man vielleicht noch als bedeutungslose Konven­tion abtun, die nur die natürliche Lage der Teile im Körper widerspiegelt, wenn auch, wie gesagt, meines Erachtens hier doch schon die soziomorphe Übertragung einer sozialen Hierarchie auf biologische Verhältnisse mitschwingt. Dass Oben und Unten hier im Prinzip keine Rolle spielen, zeigt sich ja schon an der simplen Tatsache, dass man auch im Liegen oder sogar auf dem Kopf stehend eine Tastatur bedienen könnte und die Zusammenhänge aus Abb. 1 ohne jede Einschränkung genauso gelten würden. Im Umkehrschluss ist natürlich auch klar, dass man die einzelnen „Schaltelemente“ in Abb. 1 auch ganz anders anordnen, also beispielsweise die Hirnzentren unten und die Muskeln oben einzeichnen könnte. In der Tat ist die Zeichnung ja in gewisser Weise analog einem elektrischen Schaltplan zu verstehen; und bei diesem spielt es auch keine Rolle, wie man die einzelnen elektrischen Bauelemente anordnet, solange die Verschaltungswege die gleichen bleiben.

Wie sieht es nun mit der Kausalitätskette aus? Diese beginnt gemäß Abb. 1 wie gesagt in den oberen drei corticalen Zentren, die sich in der Grafik nur untereinander beeinflussen, aber von „außen“ mit Ausnahme einer Verbindung vom Thalamus zum Motorcortex nicht affiziert werden. Das Gehirn, so scheint es, steuert hier ohne jedes sonstige Zutun die Muskelbewegungen der Finger und Arme. Aber bildet das die komplette faktische Realität ab? Nein, natürlich nicht. In Abb. 1 sind selbstverständlich viele Einflussfaktoren nicht abgebildet; so fehlen z.B. komplett sämtliche Außenwelteinflüsse, auch sind viele andere beteiligte Gehirnteile (wie z.B. das Kleinhirn, der visuelle Cortex oder die Teile des Gehirns, die für umfassende Handlungpläne zuständig sind) nicht dargestellt. Zudem sind die sensorischen Rückkopplungsschleifen, die den Hirnzentren Rückmeldungen über Lage und Zustand der Muskeln und Gelenke geben, ausgespart, ohne die ein fein abgestimmter Bewegungsablauf nicht möglich wäre. Es ist klar, und kann ja auch nicht anders sein: Abb 1. ist zum einen eine grobe Vereinfachung der realen Zusammenhänge und bildet außerdem nur einen bestimmten Ausschnitt aus dem Gesamtgeschehen ab. Würde die Darstellung auch nur annährend sämtliche wichtigen Einflussfaktoren beinhalten, wäre sie völlig unüberschaubar und somit wenig instruktiv.

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2. Eine alternative Sichtweise

Und doch ist Abb. 1 auch mehr als nur eine bloße Vereinfachung oder ein beliebig gewählter Ausschnitt aus dem mannigfaltigen Kausalgeschehen, das dazu führt, dass meine Finger koordinierte Tippbewegungen auf einer Tastatur ausführen. Sie steht auch für die herrschende „Folklore“ des Steuerungspardigmas. Sie bildet nämlich genau das ab, was in den eingangs zitierten Lehrbuch-Aussagen gemeint ist: Das die maßgeblich bestimmende und die Bewegungen in Gang setzende und steuernde Instanz das Gehirn resp. die Großhirnrinde ist. Wenn das aber stimmen würde, so müßten im Gehirn ständig Ereignisse initiiert werden, die ihrerseits keine kausalen Antezedenzien haben, mithin Ereignisse, die Ursache sind, aber selbst keine Ursache haben. Die entsprechenden neuronalen Aktivitäten müßten buchstäblich aus dem Nichts entstehen. In der Tat kann man der Meinung sein, und einige Philosophen sind es selbst heute noch, dass neben der natürlichen Kausalität der materiellen Welt noch etwas existiert, das man Akteurskausalität nennt – gemeint ist eine Verursachung neuronaler Ereignisse direkt durch das „Ich“ bzw. das bewusste Wollen einer Person. Dazu und zum generellen Problem des freien Willen mehr in Kap. 3.

Der überwiegende Teil der Neurobiologen und Biopsychologen wird allerdings sicher zu denen gehören, die, wie wohl auch die meisten Philosophen, der Meinung sind, dass auch in Gehirnen alles „mit rechten Dingen“ zugeht, dort also die gleichen natürlichen und kausalen Regelmäßigkeiten anzutreffen sind wie überall sonst im Universum. Wenn man diese Sicht der Dinge vertritt – und dies soll auch hier ausdrücklich der Fall sein – heißt das natürlich dann auch, dass die Aktivitäten im Cortex und anderen Hirnstrukturen, die zu meinem Tippen auf der Tastatur führen, eben nicht aus dem Nichts kommen, sondern ihrerseits von vorangehenden Ereignissen angestoßen werden müssen.

Was war, bevor ich tippte? Ich überlegte und formulierte im Geist den nächsten Satz, den ich schreiben wollte (mit den entsprechenden Hirnaktivitäten). Und davor? Den vorangegangenen Satz. Und noch etwas länger vorher? Hatte ich mich entschlossen, an diesem Artikel weiter zu arbeiten (mit den entsprechenden Hirnaktivitäten). Warum? Weil mein Tagesablauf durch verschiedene Gewohnheiten derzeit so strukturiert ist, dass die Zeit gekommen war, die gewissermaßen für das Schreiben reserviert ist (Hirnaktivitäten und äußere Einflüsse). Dieses regelmäßige Schreiben ist wiederum eingebunden in den übergeordneten Plan, überhaupt diesen Artikel zu verfassen. Im Zusammenhang damit habe ich zuvor verschiedene Bücher und Artikel studiert, die Themen behandeln, die mir für das Projekt wichtig erschienen. Manche davon habe ich in der hiesigen Universitätsbibliothek ausgeliehen oder auch vor Ort gelesen (visuelle Aktivitäten, motorisches Verhalten, Außenwelteinflüsse etc.).

So könnte man die Kette der vielen Kausalitäten, die letztlich zum Schreiben eines bestimmten Satzes mittels der Computertastatur geführt haben, immer weiter fortsetzen. Man sieht sehr klar, dass die koordinierte Bewegungssequenz des Tippens und die dazu gehörenden neuronalen Vorgänge im Gehirn streng genommen keineswegs isoliert betrachtet werden können, sondern Teil einer langen und vielfältigen Reihe von einander bedingenden Ereignissen sind. Auch die Hirnaktivitäten haben eine Vorgeschichte und nehmen in der Kausalkette keine Sonderstellung ein. Im Übrigen wäre vielleicht angesichts der Fülle der sich gegenseitig bedingenden Ereignisse das Bild eines komplexen Kausalnetzes oder eines breiten Kausalitätenstromes angemessener.

Dass eine schematische Zeichnung der Vorgänge, die mein Tippen am Computer beeinflussen, auch etwas anders aussehen und das tatsächlichen Geschehen besser veranschaulichen könnte als Abb. 1, soll Abb. 2 zeigen. Die Gehirnteile liegen hier absichtlich nicht mehr oben (die Konfiguration aus Abb.1 ist quasi um 90° auf die Seite gedreht worden) und es sind weitere, auch nicht zum Körper gehörende Faktoren, die der Außenwelt zuzurechnen sind, grob schematisch aufgenommen worden, dazu auch die Sinnesorgane und die propriozeptiven (die Körperwahrnehmung betreffenden) Rückkopplungsschleifen, die für koordinierte Willkürbewegungen unabdingbar sind. Die Propriozeption, also Körperwahrnehmung, ist in der Grafik mit den Muskeln verbunden, weil im Körper die wichtigsten Organe, die dem Rückenmark und Gehirn Rückmeldungen geben, die sogenannten Muskelspindeln, im Muskelapparat selbst liegen.

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Abb. 2 vermittelt einen etwas anderen Eindruck als Abb. 1. (Die LeserInnen sollten sich dabei nicht durch die Kompliziertheit der dargestellten Zusammenhänge verwirren lassen, denn um das genaue Funktionieren des Zusammenspiels von Hirnzentren, Rückenmark und Muskeln bei Willkürbewegungen geht es hier ja garnicht. Wen das trotzdem im Detail interessiert, sei noch einmal auf Bear et al., 2009, Kap. 14 und Roth, 2006 verwiesen; siehe Literaturliste am Ende des Textes.) Man sieht, dass die in Abb. 1 dargestellte Interaktion eingebettet ist in größere Zusammenhänge. Auch sollte hier klarer werden, dass die Hirnstrukturen nicht wirklich als Verursacher der Muskelbewegungen angesehen werden können. Vielmehr ist hier eine allseitige und gegenseitige Wechselwirkung (ganz im Sinne des Eingangszitats) zwischen Neuronennetzen im Gehirn, anderen Körperregionen, hier also v.a. Muskeln, Sinnesorganen und der Außenwelt dargestellt, die mehr dem entspricht, was in der Wirklichkeit abläuft (wobei natürlich auch Abb. 2 noch ein grob vereinfachte Veranschaulichung ist). In der Realität ist alles Ursache und Wirkung zugleich, es gibt keine prima causa, die unabhängig und aus dem Nichts Wirkungen erzeugt, alle Einflussfaktoren unterliegen ihrerseits Einflüssen, die wiederum bedingt sind durch andere Ursachen, usw. usf. Die Gehirnstrukturen sind nur Teil dieses Netzes von Kausalketten, wenn auch ein durch ihre vielen internen Verknüpfungen sehr wichtiger. Die vernetzten Strukturen des Cortex, des Thalamus oder der Basalganglien sind, wie alle anderen Stationen dieser Kausalkette bzw. dieses Kausalnetzes Durchgangsstationen und nicht Anfangs- und Ausgangspunkt der kausalen Verknüpfungen. Es gibt keinen Anfangspunkt!

Dass die „Außenwelt“ in Abb. 2 nun als großer Kasten über allem steht, ist natürlich letztlich auch willkürlich. Mir schien diese Position angemessen, nicht zuletzt weil die Außenwelt die wichtigste Quelle unserer Erfahrung ist, ohne die kein sinnvolles Denken, Fühlen und Handeln möglich wäre. Aber die Lage oben im Schaubild soll nicht bedeuten, dass nun statt des Gehirns die Außenwelt die Rolle des großen und einzigen Verursachers übernimmt. Man beachte auch den langen blauen Pfeil, der von „andere Muskeln“ zur „Außenwelt“ führt: dieser soll zeigen, dass natürlich auch der Mensch (oder jedes andere Lebewesen) seine Außenwelt beeinflusst und diese damit verändert, was wiederum einen veränderten Input für die Sinnesorgane zur Folge hat. In unserem Beispiel habe ich u.a. vor dem Verfassen des Artikels ein Buch ausgeliehen und dieses dann gelesen – und damit meinen sensorischen Input deutlich abgewandelt; im Übrigen findet ja auch in der Situation des Tippens selbst auf dem Computermonitor ständig eine Veränderung der Außenwelt statt, die fortlaufend im Sinne einer Rückkopplung die darauf folgenden Geschehnisse mit bestimmt.

Damit Schaubilder wie Abb. 1 und 2 uns etwas erklären können, dürfen sie ein gewisses Maß an Komplexität natürlich nicht übersteigen. Schon Abb. 2 ist, was die Vielfalt des Dargestellten angeht, vermutlich nahe der Grenze, an der für den durchschnittlichen Betrachter Instruktivität in Verwirrung übergeht. Es ist klar, dass wir bei solchen Schaubildern immer einen sowohl zeitlich als auch was die Menge der dargestellten Strukturen angeht, eng umgrenzten Ausschnitt der – letztlich unbegrenzten – Wirklichkeit auswählen müssen. In der Neurobiologie sieht man aber eben besonders oft genau die Ausschnitte des neurophysiologischen Gesamtgeschehens grafisch dargestellt, in denen das Gehirn anderen Körperregionen Signale übermittelt, mitsamt der Interpretation, dort sei die Steuerung der entsprechenden Körperteile durch das Gehirn zu sehen.

Nach den bisherigen Überlegungen können wir aber festhalten, dass diese Interpretation falsch ist: Das Gehirn ist nicht, wie allseits angenommen, die alleinige Steuerzentrale bei Willkürhandlungen, sondern gewissermaßen gleichberechtigt auf einer Ebene mit allen anderen beteiligten kausalen Instanzen. Um sich dies anschaulicher und klarer zu machen, ist es auch hilfreich (zumindest war es für mich hilfreich), sich einmal in der Vorstellung von der Betrachtung größerer funktionaler Einheiten innerhalb des Gehirns (wie Motorcortex oder Thalamus) weg, hinunter auf die Ebene einzelner Neuronen und Synapsen zu begeben. Man würde dort ein großes Netz einzelner Nervenzellen, unendlich vieler Nervenzellfortsätze und Verbindungsstellen zwischen ihnen erblicken, aber alle diese Bestandteile des Zentralnervensystems wären gleichberechtigt, keine Zelle „herrscht“ dort über andere Zellen, sie alle tauschen nur Impulse in Form von hin und her laufenden Aktionspotentialen und (an den chemischen Synapsen) ausgeschütteten Neurotransmittern aus. So etwas wie ein steuerndes Neuron gibt es nicht.

Dies gilt auch für den Austausch von Signalen zwischen Hirn und anderen Teilen des Körpers. Unser Nervenimpuls aus Abb. 1 und 2 fließt vom Motorcortex über das Rückenmark zum Fingermuskel, verwandelt sich dort in einem mehrstufigen elektrochemischen Prozess in eine Muskelkontraktion, die in den Muskeln befindlichen sogenannten Muskelspindeln verwandeln die mechanischen Veränderungen des Muskels zurück in ein Nervensignal, das dann über Rückenmark und Thalamus wieder zum Motorcortex zurückläuft. Absteigende und aufsteigende Aktionspotentiale, die dabei an den neuronalen Membranen entlang laufen, unterscheiden sich qualitativ nicht voneinander, es sind beides völlig „normale“ Nervenimpulse, die nach den selben elektrophysiologischen Regeln funktionieren. Es gibt kein steuerndes im Gegensatz zu einem gesteuerten Aktionspotential. Das Gehirn wird genauso vom Muskel und seinen Rückmeldungen „gesteuert“, wie es diesen „steuert“. Könnten die beteiligten Neuronen der Hirnrinde sprechen und würde man sie fragen, was sie denn da tun, würde die Antwort etwa lauten: „Wir leiten hier elektrische Impulse weiter, je nachdem, wieviele und welche Signale an unseren vielen Synapsen eingehen. Von einer ‚Steuerung’ wissen wir nichts.“ Prinzipien wie das der Steuerung oder das der Kontrolle kommen in der Natur schlicht und einfach nicht vor!

Einen Astrophysiker würde es gewiss verwundern, wenn man ihn fragte, was denn seiner Meinung nach das Geschehen im Universum steuert. Er würde uns antworten, dass es nirgendwo im Weltall irgendwelche steuernden oder kontrollierenden Entitäten gibt, sondern dass sich alle Bestandteile darin gleichberechtigt gegenseitig beeinflussen. Ähnlich ginge es uns mit einem Meteorologen, den man fragte, was denn das Wetter steuert. Er würde uns die Auskunft geben, dass sehr viele verschiedene Einflussfaktoren zu den Phänomenen führen, die wir als Wetter bezeichnen (Sonneneinstrahlung, Neigung der Erdachse zur Sonne, Temperatur der Ozeane, der Anteil bestimmter Gase in der Atmosphäre, vulkanische Aktivitäten etc. pp.), diese Phänomene sich zusätzlich auf komplexeste Weise gegenseitig beeinflussten und das es dabei ebenso unmöglich wie unsinnig sei, eine einzelne steuernde Instanz zu benennen. In den Naturwissenschaften steht im Allgemeinen das Prinzip der Steuerung gar nicht zur Debatte, es wird nirgends gebraucht und auch nirgends vermutet. Nur in der Biologie soll alles anders sein, zumindest bei Lebewesen mit einem komplexeren Nervensystem.

Man könnte den hier erhobenen Vorwürfen entgegnen, bei der Rede vom steuernden und kontrollierenden Gehirn handele es sich um eine Metapher, um den Sprachgebrauch in neurowissenschaftlichen Zusammenhängen zu vereinfachen. Allerdings kenne ich keine Stelle in einschlägigen Veröffentlichungen, die auf diesen Umstand hinweisen würde. Wenigstens Studenten sollten doch in einführenden Lehrbüchern auf die für das grundlegende Verständnis neurobiologischer Zusammenhänge und das allgemeine wissenschaftliche Weltbild äußerst wichtige Tatsache hingewiesen werden, dass die Rede von Kontrolle und Steuerung des Körpers durch das Gehirn nur bildlich zu verstehen ist. Aber nirgendwo ein Wort dazu. Auch während meines Psychologie-Studiums ist mir kein Professor oder Dozent untergekommen, der mich in dieser Hinsicht aufgeklärt hätte.

Stattdessen überall die unhinterfragte und ganz selbstverständlich daher kommende Rede von Kontrolle und Steuerung durch die angeblich „höheren“ Hirnzentren. Nein, als Metaphern oder abkürzende wissenschaftliche Redewendungen können diese Begriffsverwendungen nicht durchgehen. Man glaubt ganz buchstäblich, vom Bauarbeiter bis zum Professor, dass Gehirne bzw. Nervensysteme die Leitung und Oberaufsicht über einen Organismus innehaben. Es handelt sich hier einfach um einen den wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Allgemeinplatz.

Das Steuerungs- und Kontrollprinzip lässt sich vergleichen mit der Vorstellung des sogenannten Vitalismus des 18. und 19. Jahrhunderts, dass allem Lebendigen eine besondere Lebenskraft inne wohne, die der an sich toten Materie aus Fleisch und Knochen den Odem des Lebens einhaucht. Diese gesonderte vis vitalis hat sich als überflüssig und nicht existent erwiesen, so verständlich ihre Annahme gewesen sein mag. Ähnlich sollte es dem Steuerungsprinzip in den Neurowissenschaften auch ergehen: man braucht es nicht, obwohl die Vorstellung von einem völlig unkontrollierten Körper zunächst einmal unseren Intuitionen zuwiderläuft.

Was hier für die Willkürmotorik gezeigt wurde, gilt natürlich prinzipiell für alle biologischen Vorgänge, die sich in einem lebenden Organismus abspielen. So werden auch die Konzentrationen von Hormonen im Körper nicht, wie immer behauptet, von der Hypophyse und diese vom Hypothalamus gesteuert, um noch kurz ein zweites Beipiel zu nennen. Hypophyse und Hypothalamus sind wichtige Glieder eines komplexen Rückkopplungskreises, der in seiner Gesamtheit dafür sorgt, dass die Hormonspiegel nur innerhalb gewisser Grenzen schwanken.  Die Annahme der Kontrolle und Steuerung aller Lebensvorgänge bei sogenannten höheren Organismen durch ihr Gehirn bzw. Teilen davon hat mit dem, was wirklich in diesen Organismen geschieht, sehr wenig zu tun. Sie ist Folge einer sehr menschlichen, aber letztlich ohne Not zusätzlich geleisteten Deutungs- und Interpretationsanstrengung[1], die sich aber bei genauerem Hinsehen als Chimäre erweist, die uns den Blick auf das, was wirklich passiert, verstellt.

 

 


[1] Für weitere Erklärungen der Ursachen und Ursprünge des Steuerungs- und Kontrollparadigmas siehe die Kapitel 3, 6, 7 und 8.

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[In Teil 2 soll eine weitere Ursache für die Hartnäckigkeit des Steuerungsparadigmas diskutiert werden, sowie 2 Einwände, die man gegen die hier vorgetragene Argumentation vorbringen könnte.]

… hier geht es zu Teil 2

 

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Literatur

Bear, M. F., Connors, B. W. & Paradiso, M. A. (2009). Neurowissenschaften – Ein grundlegendes Lehrbuch für Biologie, Medizin und Psychologie (3. Aufl.). Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.

Büschges, A. & Schmidt, J. (2015). Neuronale Kontrolle des Laufens – Einblicke aus Untersuchungen an Insekten. Neuroforum – Organ der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft, 04 / 2015.

Peters, H. M. (1960). Soziomorphe Modelle in der Biologie. Ratio, 1960/1, S. 22 – 37.

Petersen, C. C. H. (2014). Cortical Control of Whisker Movement. Annual Review of Neuroscience, 37, 183 – 203.

Pinel, J. P. J. (2001). Biopsychologie (2. dt. Aufl.). Berlin: Spektrum Akademischer Verlag.

Roth, G. (2003). Fühlen, Denken, Handeln – Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. (Neue, vollständig überarbeitete Ausgabe). Frankfurt a. M.: Suhrkamp Taschenbuch.

Roth, G. (2006). Das Zusammenwirken bewusst und unbewusst arbeitender Hirngebiete bei der Steuerung von Willenshandlungen. In: Köchy, K. & Stederoth, D. (Hrsg.). Willensfreiheit als interdisziplinäres Problem. Freiburg: Karl Alber.

Schandry, R. (2011). Biologische Psychologie. (3. vollst. überarb. Auflage). Weinheim: Beltz Verlag.

Shenoy, K. V., Sahani, M. & Churchland, M. M. (2013). Cortical Control of Arm Movements: A Dynamical Systems Perspective. Annual Review of Neuroscience, 36, 337 – 359.

Topitsch, E. (1979). Erkenntnis und Illusion – Grundstrukturen unserer Weltauffassung. Hamburg: Hoffmann & Campe.

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© Matthias Wehrstedt 2016

2 Gedanken zu “Der unkontrollierte Körper ~ Der Mythos vom steuernden Gehirn ~ (Teil I)

  1. Sehr interressanter Artikel, eigentlich sollte jeden der sich irgendwie mit diesem Thema beschäftigt klar das das Gehirn nicht als oberstes Steuerungsorgan den Körper unbeeinflusst von diesem steuert. (Nicht das mir das vorher so wie von dir geschildert bewußt war). Konzepte wie das von Bobath zur Rehabilitation von Schlaganfallpatienten könnten ja auch überhaupt nicht funktionieren, wenn wenn dem so wäre. Aber als Teil eines Regelkreises ( oder vielleicht auch Regegeflechtes) lässt es sich von den Signalen aus den Extremitäten des Körpers den Anstoß geben, neue neuronale Verküpfungen zu bilden dann zu einer vermehrten Beweglichkeit dieser Extremitäten führen könne.

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