Das Mysterium des Geistes

Es stimmt eher mit dem Geist der Naturwissenschaften überein, eine dualistische Auffassung zu akzeptieren, die unsere Unfähigkeit anerkennt, zu erklären, warum es Bewusstsein gibt, als unsere explanatorischen Sehnsüchte mit einem mysteriösen [materialistischen] Monismus zu besänftigen.

William S. Robinson

 

In diesem Artikel möchte ich einen Gedanken etwas näher ausführen, den ich in meinem letzten Text als selbstverständlich vorausgesetzt hatte – nämlich, dass immaterielle geistige Ereignisse (also Erlebnisse, Empfindungen etc.) und physikalische Vorgänge (also auch Hirnaktivitäten) in keine wie auch immer geartete kausale Interaktion miteinander treten können. Dass im Kopf wohl keine immaterielle Seele oder ein Homunkulus sitzt, der die Nervenzellen dirigiert, wie noch ein Descartes glaubte, scheint uns modernen Menschen – zumindest den gebildeteren – relativ selbstverständlich. Anders sieht es aber aus mit der umgekehrten Vorstellung, nach der das elektrochemische Geschehen im Nervensystem die Ursache für die bewussten Gehalte unserer Gedanken und Gefühle sei. Dies ist sogar momentan die allgemeine Standard-Vorstellung von Neurowissenschaftlern, Philosophen und Psychologen.Weiterlesen »

Woran würde ich merken, dass mein Computer Bewusstsein hat?

In der letzten Zeit wird ja um die Künstliche Intelligenz (KI, oder engl. AI = artificial intelligence) ein großer Bohei gemacht angesichts der Fortschritte, die auf diesem Gebiet gemacht werden, sowie der vermeintlichen wirtschaftlichen Bedeutung, die diese Technik in Zukunft haben wird.

Eine interessante philosophische Frage in diesem Zusammenhang ist die, ob denn eine Künstliche Intelligenz auch irgendwann einmal Bewusstsein ausbilden könnte. Eine bewusste KI würde sich von einer nicht-bewussten dadurch unterscheiden, dass sie nicht nur Denkoperationen (im weitesten Sinne) ausführen könnte, sondern dass sie auch Erlebnisse hätte; das heißt, sie hätte beispielsweise wie wir eine Empfindung von Röte, wenn man einen roten Gegenstand vor ihrer Kamera plazieren würde, oder es würde sich für sie irgendwie anfühlen, wenn sie nachdenkt, sie könnte ein Problem, das sie versucht zu lösen, als schwierig empfinden und seine Bedeutung erfassen, oder sie könnte vielleicht auch zu guter Letzt ein Gefühl von sich selbst als dem Rest der Welt gegenübergestelltes Subjekt entwickeln und sich also als ein Ich erleben. Philosophen wie Thomas Metzinger gehen schon jetzt fest davon aus, dass Maschinen in nicht allzu ferner Zukunft auch Bewusstsein besitzen werden, so z.B. in seinem recht bekannten Buch „Der Ego-Tunnel“ (Metzinger, 2014). Ob das stimmt sei dahingestellt.

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Meme (8): 115ter Geburtstag von Theodor W. Adorno

Am 11. September 1903 wurde der Philosoph Theodor W. Adorno in Frankfurt am Main als Sohn der Sängerin Maria Calvelli-Adorno und des jüdischen Weingroßhändlers Oscar Alexander Wiesengrund geboren. Er gilt als der wohl bedeutendste Vertreter der Kritischen Theorie, die auch unter dem salopperen Namen Frankfurter Schule berühmt wurde. In seinem Werk wird die Hegelsche Dialektik, der Marxsche Antikapitalismus und Ideen der Psychoanalyse weitergedacht in Richtung einer ebenso radikalen wie fundamentalen Kritik der modernen hochtechnisierten Gesellschaften und der sie beherrschenden positivistisch-szientistischen Ideologie. Adorno gilt außerdem als bedeutender Komponist. Er verstarb im August 1969 während eines Urlaubs in den Schweizer Bergen.

Mem-Bild in voller Größe:  http://www.imagebam.com/image/4d1b6b971281384

 

© Matthias Wehrstedt 2018

Lobpreis des Inneren Schweinehunds

[…] es gibt […] nichts, was einen zum Weitermachen veranlasst; darin, dass das Leben weitergeht, besteht sein eigentliches Wesen. Der Mensch wird nicht durch Motive regsam und aktiv gemacht; seine Regsamkeit ist einfach ein Aspekt seiner Existenz.

George A. Kelly

 

Arbeitsethos, Leistungsorientierung und Selbstoptimierung sind sehr typische Erscheinungen der modernen Welt. Dass wir heute in den „westlichen“ Staaten – verglichen mit den offen repressiven Gesellschaften vergangener Zeiten – (noch) relativ frei leben können, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass es heute keines gewaltsamen Ansporns der herrschenden Schichten mehr bedarf, um das Volk zu Disziplin und Arbeit zu zwingen. Die Menschen des späten Kapitalismus sind längst ihre eigenen Antreiber und Bewacher geworden.Weiterlesen »

Heuristics & Biases (3) — Der Mere-Exposure-Effekt und die Kritische Theorie

Das Bekannte ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.

G. W. F. Hegel (1770 – 1831)

Teil 3 der Reihe über kognitive Verzerrungen (biases) und Urteilsheuristiken behandelt eine sehr grundlegende irrationale Besonderheit der menschlichen Verstandestätigkeit, und zwar den sogenannten Mere-Exposure-Effekt. Der englische Begriff bedeutet in direkter Übersetzung soviel wie Effekt der bloßen Darbietung, sprachlich eleganter ist die Bezeichnung Vertrautheitseffekt, da auch das englische familiarity effect in der psychologischen Forschung gebräuchlich ist. Gemeint ist die recht simple Tatsache, dass uns vertraute Dinge, Personen und Ereignisse tendenziell angenehmer sind als unvertraute.

Man wird zunächst glauben, diese Behauptung sei trivial, aber seine Meinung vielleicht ändern, wenn man weiß, dass die klassischen Experimente mit sinnlosen Zeichen oder Fantasiewörtern durchgeführt wurden, zu denen die Versuchsteilnehmer keinerlei angenehme oder unangenehme Assoziationen haben konnten. Wird solch ein Zeichen oder Wort ProbandInnen innerhalb einer Reihe häufig gezeigt, so wird es in einer nachfolgenden Befragung positiver beurteilt als Zeichen oder Worte, die die ProbandInnen nur ein oder zweimal gesehen haben (Zajonc, 1968; Zajonc & Rajecki, 1969).

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