Lobpreis des Inneren Schweinehunds

[…] es gibt […] nichts, was einen zum Weitermachen veranlasst; darin, dass das Leben weitergeht, besteht sein eigentliches Wesen. Der Mensch wird nicht durch Motive regsam und aktiv gemacht; seine Regsamkeit ist einfach ein Aspekt seiner Existenz.

George A. Kelly

 

Arbeitsethos, Leistungsorientierung und Selbstoptimierung sind sehr typische Erscheinungen der modernen Welt. Dass wir heute in den „westlichen“ Staaten – verglichen mit den offen repressiven Gesellschaften vergangener Zeiten – (noch) relativ frei leben können, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass es heute keines gewaltsamen Ansporns der herrschenden Schichten mehr bedarf, um das Volk zu Disziplin und Arbeit zu zwingen. Die Menschen des späten Kapitalismus sind längst ihre eigenen Antreiber und Bewacher geworden.Weiterlesen »

Heuristics & Biases (3) — Der Mere-Exposure-Effekt und die Kritische Theorie

Das Bekannte ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.

G. W. F. Hegel (1770 – 1831)

Teil 3 der Reihe über kognitive Verzerrungen (biases) und Urteilsheuristiken behandelt eine sehr grundlegende irrationale Besonderheit der menschlichen Verstandestätigkeit, und zwar den sogenannten Mere-Exposure-Effekt. Der englische Begriff bedeutet in direkter Übersetzung soviel wie Effekt der bloßen Darbietung, sprachlich eleganter ist die Bezeichnung Vertrautheitseffekt, da auch das englische familiarity effect in der psychologischen Forschung gebräuchlich ist. Gemeint ist die recht simple Tatsache, dass uns vertraute Dinge, Personen und Ereignisse tendenziell angenehmer sind als unvertraute.

Man wird zunächst glauben, diese Behauptung sei trivial, aber seine Meinung vielleicht ändern, wenn man weiß, dass die klassischen Experimente mit sinnlosen Zeichen oder Fantasiewörtern durchgeführt wurden, zu denen die Versuchsteilnehmer keinerlei angenehme oder unangenehme Assoziationen haben konnten. Wird solch ein Zeichen oder Wort ProbandInnen innerhalb einer Reihe häufig gezeigt, so wird es in einer nachfolgenden Befragung positiver beurteilt als Zeichen oder Worte, die die ProbandInnen nur ein oder zweimal gesehen haben (Zajonc, 1968; Zajonc & Rajecki, 1969).

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Es gibt etwas

Ich weiß nicht, wie viele der geschätzten LeserInnen sich schon einmal über die eigentümliche deutsche Wendung „Es gibt etwas“ gewundert haben. Vermutlich nicht so viele. Ich finde sie jedenfalls sehr merkwürdig, nicht zuletzt im wörtlichen Sinne von ‚würdig, sie sich zu merken’.

Was, wieso, was soll denn da merkwürdig sein?, höre ich jetzt viele ausrufen. Die Formulierung ist uns so geläufig, dass uns ihre Eigenartigkeit kaum auffällt: Was für ein „Es“ ist das denn, dass uns da etwas „gibt“, in dem Sinne, das dieses Etwas dadurch Existenz, Dasein, Realität, Wirklichkeit für sich beanspruchen kann?

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Der unkontrollierte Körper ~ Der Mythos vom steuernden Gehirn ~ (Teil II)

3. Das alltägliche Erleben als Ursprung des Steuerungsparadigmas

Ich hoffe, in Teil 1 dieses Textes glaubhaft gemacht zu haben, dass die durchgängig verbreitete Folklore-Vorstellung eines „steuernden“, „kontrollierenden“ und „Befehle erteilenden“ Gehirns in den Neurowissenschaften dem sonst allgemein anerkannten naturwissenschaftlichen Bild der Welt widerspricht. Es gibt schlicht kein Prinzip der „Steuerung“ in natürlichen Zusammenhängen. Zwischen Hirn und (Rest)Körper bestehen vielfältige Interaktionen, wobei aber beide Seiten dieser Wechselwirkungen immer gleichberechtigt sind und eben nicht die Hirnareale irgendwelche Aktivitäten aus dem Nichts initiieren. Das Körpergeschehen, einschließlich der Vorgänge im Gehirn, ist ein Prozess, in den ständig das ganze Netzwerk involviert ist und das außerdem in den Kausalitätenfluss der Außenwelt eingebettet ist (siehe Abb. 2 in Teil 1).

Als Ursache für diesen bisher sowohl von der scientific community als auch von interessierten Laien seltsamerweise nicht bemerkten grundlegenden Fehler[1] hatte ich zunächst sogenannte Anthropomorphismen vermutet, die Zusammenhänge aus dem rein menschlich-kulturellen Bereich unzulässigerweise auf Naturphänomene, zu denen auch das menschliche Gehirn unzweifelhaft zu zählen ist, übertragen. Der Philosoph Ernst Topitsch hatte bei solch unsachgemäßen Transfers soziomorphe (hier: das Hirn als König der Organe bzw. als höchste Stelle einer Befehlskette) und technomorphe (hier: das Hirn als Steuerzentrale oder –modul) Fehlschlüsse unterschieden (Topitsch, 1979).

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Heuristics & Biases (2) – Ankereffekte

Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf – es kommt nur auf die Entfernung an.
Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916)

Einige einleitende Worte zur Rationaliät des Menschen

Im unserem schönen Abendlande wurden von alters her große Stücke auf die menschliche Vernunft gehalten. Insbesondere seit der Aufklärung erhoffte man sich die Lösung aller Menschheitsprobleme durch Anwendung von rationalem Denken, das uns einerseits die Geheimnisse der Natur entschlüssele und so nutzbar mache, und darüber hinaus das soziale Miteinander mittels vernunftgemäßer Reformen der Gesellschaft verbessere. Das klassische Menschenbild des 18. und 19. Jahrhundert war das des zoon logikon, des animal rationale [1], und die Menschheit, so schien es damals vielen, werde auf den Schwingen der Vernunft einer strahlenden Zukunft des immerwährenden materiellen und geistigen Wohlstands entgegen fliegen.

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