Lobpreis des Inneren Schweinehunds

[…] es gibt […] nichts, was einen zum Weitermachen veranlasst; darin, dass das Leben weitergeht, besteht sein eigentliches Wesen. Der Mensch wird nicht durch Motive regsam und aktiv gemacht; seine Regsamkeit ist einfach ein Aspekt seiner Existenz.

George A. Kelly

 

Arbeitsethos, Leistungsorientierung und Selbstoptimierung sind sehr typische Erscheinungen der modernen Welt. Dass wir heute in den „westlichen“ Staaten – verglichen mit den offen repressiven Gesellschaften vergangener Zeiten – (noch) relativ frei leben können, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass es heute keines gewaltsamen Ansporns der herrschenden Schichten mehr bedarf, um das Volk zu Disziplin und Arbeit zu zwingen. Die Menschen des späten Kapitalismus sind längst ihre eigenen Antreiber und Bewacher geworden.

Das ist eigentlich seltsam. Denn war denn mit der zunehmenden Technisierung und Naturbeherrschung ab dem 17. und 18. Jahrhundert nicht auch der Traum verbunden gewesen, dass die tagtägliche Plackerei und Schinderei des Menschen nach und nach immer weiter abnehmen möge? Bei unseren heutigen technischen Möglichkeiten könnten wir es eigentlich entspannt angehen lassen. Aber die Realität am Beginn des 21. Jahrhunderts sieht ganz anders aus: es wirkt nicht so, als ob die Computer und Maschinen die Diener und wir Menschen ihre HerrInnen wären, sondern so, als hätten im Gegenteil wir uns mehr und mehr der uns umgebenden Maschinerie anzupassen.

Diese Maschinerie wird in Gang gehalten nicht nur von Computern und Robotern, sondern auch von all den Fleißigen und Disziplinierten, die täglich aufstehen, wenn der Wecker klingelt und zu Millionen in die Fabriken, Büros und Geschäfte strömen, dort pflichtbewusst tun und lassen, was ihre Vorgesetzten von ihnen verlangen, um sich daneben – in ihrer sogenannten Freizeit – noch in Fitnessstudios zu kasteien, ihre Kinder zu versorgen, ihre Häuser und Autos in scheckheftgepflegtem Zustand zu halten, allerlei Hobbys zu pflegen und Aktiv-Urlaub auf den Philippinen zu machen.

Emsigkeit ist in der modernen Welt zu einer Religion geworden. Wer den Gott der Aktivität und der Selbstüberwindung nicht mitanbetet ist tendenziell auf ein Außenseiterdasein verwiesen. Es gilt, zu jeder wachen Stunde den eigenen inneren Schweinehund zu besiegen, wie man so sagt. Den meisten modernen Menschen ist diese Haltung so sehr in Fleisch und Blut übergegangen und zur zweiten Natur geworden, dass ihnen das Bewusstsein dieses Umstands meist weitgehend fehlt. Oft schafft es erst eine depressive Erkrankung (heute bezeichnenderweise gerne Burnout genannt), sie stillzustellen und zu einer unwilligen Ruhe zu zwingen.

Der Begriff „Innerer Schweinehund“ stammt aus der deutschen Militärsprache zu Beginn des 20. Jahrhunderts; der deutsche Soldat habe ihn für Kaiser und Vaterland gefälligst zu überwinden, um seine militärische Pflicht befehlsgemäß zu erfüllen. Die abfällige Bezeichnung stand zusammenfassend für alle Neigungen, die es dem Soldaten schwer machen, andere Menschen kaltblütig hinzumetzeln und mit blinder Disziplin Rädchen einer großen Tötungsmaschinerie zu werden. Schon angesichts dieser Herkunft ahnt man, dass der Schweinehund möglicherweise ein viel freundlicheres Wesen ist, als uns die kollektive Pseudoweisheit glauben machen will.

Auch all die Trainer und Turnlehrer, die in ihren Fitnessstudios in der Nachfolge des deutschen Militärs stehen und uns das vermeintliche Untier austreiben wollen[1], fordern uns auf, (wie sie) hart und unerbittlich gegen uns selbst zu werden und das Beschauliche und Genießerische in uns abzutöten. Die soldatischen Erfolgsmenschen von heute gönnen sich keine Muße und keine Besinnung. Ihrer Logik zufolge ist das Leben ein Exerzierhof.[2] Wer den Lockungen des faulen Schweinehunds widersteht und immer tapfer mitmarschiert, gilt bei ihnen und ihren Anhängern als frei und willensstark – eine Haltung, die gänzlich übersieht, dass gerade die habituelle Selbstüberwindung einen ausgeprägt zwanghaften Zug aufweist und demnach eventuell der Müßiggänger der selbstbestimmtere und freiere Mensch ist.

Die Persönlichkeitsanteile, die so verächtlich unter den Begriff des inneren Schweinehunds gefasst werden, sind genau diejenigen, die sich gegen das Gedrilltwerden und die Dressur der vermeintlichen Selbstvervollkommnung in der kapitalistischen Moderne auflehnen. Im Ringen um innere Vorherrschaft sind diejenigen der verschiedenen grundlegenden Charakterelemente, die der Entspannung, dem Energiesparen, dem unmittelbaren Genuss und dem Fünfe-gerade-sein-lassen zuneigen, in der Neuzeit endgültig auf die Verliererstraße geraten, obschon sie auch zuvor immer einen leicht zwielichtigen Ruf genossen. Wie in einem Bürgerkrieg denunzieren nun die Sieger – die ehrgeizigen, leistungsorientierten und über-den-Menschen-hinauswollenden Eigenschaften – die Unterlegenen als Saboteure und Terroristen und geben ihnen Schandnamen. Dass diese Kämpfer für die Freiheit Feinde der Gesamtpersönlichkeit seien, wird in den entsprechenden Gesellschaften zur Standardfolklore.[3]

Heinrich Bölls kleine Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral (1963) ist vielleicht ein wenig angestaubt und romantisierend, aber sie illustriert doch recht schön einen guten Teil des Konflikts zwischen Leistungsorientierung – vertreten durch den Touristen mit der Kamera – und dem gleichmütigen „Schweinehund“ – verkörpert vom ärmlichen, aber zufriedenen Fischer.

Der innere Schweinehund ist die Stimme des menschlichen Maßes, die Stimme des liebevollen Umgangs mit sich selbst und auch die Stimme des Hier und Jetzt. Im Grunde genommen hat er sachlich deutlich bessere Argumente als der innere Diktator und Sklaventreiber, dem eigentlich nicht sehr viel mehr als das stur wiederholte Kommando „Du musst mehr machen“ zur Verfügung steht. Aber wie in der äußeren Realität gewinnt auch im Menscheninneren meist nicht Vernunft und Freundlichkeit das Ringen der Kräfte um die Vorherrschaft, sondern die rohe Gewalt. (Weil das im Äußeren so ist, ist es auch im Innern so und weil es im Innern so ist, gleicht ihm eben auch das Äußere.)

Liebe LeserInnen, lassen sie sich nicht länger von ihrem inneren Diktator oder dem To-do-Listen-Schreiber hinters Licht führen: der sogenannte innere Schweinehund ist nicht böse. Er ist nicht Ihr Gegner, sondern ihr Freund. Versuchen sie nicht mehr ihn zu überwinden, zu besiegen oder niederzudrücken, sondern hören Sie doch einfach einmal gut zu, was er ihnen denn da eigentlich genau aus dem Untergrund zuraunt, wenn Sie das nächste Mal im Konflikt stehen, ob Sie diesen einen Bericht für Ihren Chef trotz Feierabends doch noch fertigmachen, oder ob Sie wegen des blendenden Wetters lieber an den Badesee radeln und ihren Chef einen guten Mann sein lassen wollen; oder ob Sie wirklich die 5 Kilos abspecken und nach der Arbeit auch noch Joggen gehen „müssen“, wo sie es sich doch viel lieber mit einem Schokoladeneis und hochgelegten Beinen vor dem Fernseher bequem machen würden.[4] Vielleicht haben Sie ja gar kein Problem mit ihrem Gewicht, sondern mit ihrem Selbstbewusstsein?

Der innere Schweinehund ist auch die Stimme der Natur. Tiere kennen keinen inneren Schweinehund, bei ihnen kommen noch alle Schweinehunde von außen. Sie wissen nichts von dem tiefen Gespaltensein, das den Menschen so oft quält, sie haben noch keinen inneren Turnlehrer, der ihnen einredet, sie seien nicht gut genug, sondern folgen einfach ihrer ersten Natur; sie können nichts anderes. Auch kleinen Kindern ist der innere Kritiker und Antreiber noch fremd, ihnen fehlt noch – mit Wilhelm Reich zu sprechen – der Charakterpanzer der Erwachsenen. Genau deshalb empfinden wir ja auch den Umgang mit Tieren und kleinen Kindern (in der Regel) als so erfrischend und herzerwärmend; für einige Momente wird beim Zusammensein mit ihnen unser Unbehagen in der Kultur (Freud) gelindert.

All der Lobpreis des verfemten Untiers muss nun nicht heißen, dass man immer und in jedem Fall seinen Neigungen zu Entspannung und Müßiggang nachgeben sollte. Jede Einseitigkeit ist problematisch. Aber wenn wir heutigen Menschen in einem Konflikt zwischen den Motiven des Sollens und des Wollens stehen – und jeder wird mir zustimmen, dass dies verdammt oft der Fall ist – dann ist das wie eine Gerichtsverhandlung, bei der das Urteil von vornherein feststeht. Das Gesollte zu tun ist gut und richtig, es zu lassen und stattdessen den Wolken beim Vorüberziehen zuzuschauen gilt als schlaff und würdelos. Es ist ein abgekartetes Spiel. Besten- bzw. schlechtestenfalls überlässt man sich mit drückendem Gewissen einer freudlosen Trägheit – ein bewusstes, bejahtes, frei gewähltes Dolcefarniente ist dem modernen Menschen oftmals eine Unmöglichkeit.

Aber jemand, der seinen inneren Sklaventreiber in die Schranken gewiesen und an seiner Stelle den sogenannten Schweinehund zu seinem Hauptratgeber gemacht hat, würde natürlich keinesfalls den ganzen Tag dem Nichtstun frönen und untätig herumgammeln. Das Gegenteil wäre der Fall. All die Energien, die zuvor in dem ewigen Konflikt zwischen Müssen und Wollen vergeudet wurden, wären dann befreit und stünden dem Ich zur Verfügung. Sind kleine Kinder, die sich noch nicht zu irgendwelchen ungeliebten Tätigkeiten zwingen können, etwa matt und kraftlos? Nein, sie sind – wie jeder weiß – springlebendig und haben fast nie Probleme mit Lustlosigkeit und Antriebsschwäche.

Die Verachtung für den inneren Schweinehund und die Verehrung der Selbstüberwindung wurzelt eben auch in einem negativen Menschenbild. Dieses beinhaltet die Auffassung, der Mensch wäre von Natur aus träge und renitent und bedürfe ständig eines ihn in Bewegung haltenden Kommandanten, komme der nun von außen oder von innen; es gibt eine unterschwellige Angst, man wäre nicht regsam, wenn man nicht mit zusammengebissenen Zähnen sich ständig dazu antriebe (oder angetrieben würde). Auch christliches Erbe schimmert hier durch. Das sündige Fleisch muss pausenlos den Stachel der Strenge spüren, ansonsten gibt es sich hemmungslos den Todsünden der Faulheit, Völlerei und Wollust hin.

Ein Körnchen Wahrheit ist hier allerdings schon im Spiel: aber eben nur in Bezug auf Tätigkeiten, die dem Menschen von anderen aufgenötigt werden. In all den Millionen „Beschäftigungsverhältnissen“, in denen die modernen Menschen Tag für Tag Dinge tun, die sie von sich aus niemals tun würden, schwingt jener untergründige Widerwillen mit, der ständig in Schach und unter der Oberfläche gehalten werden muss.[5] Nicht nur die Arbeitgeber fürchten ihn – auch die in emsiger Abhängigkeit Gehaltenen wollen und dürfen sich in der Regel seiner nicht bewusst werden. Denn das könnte ja bedeuten, dass man mit den Lebensumständen im Allgemeinen unzufrieden werden würde – und was sollte man dann tun? Der innere Schweinehund und der Umgang mit ihm ist auch eine hoch politische Angelegenheit.

Aber die Menschen arbeiten doch gern!, werden mir jetzt vermutlich viele widersprechen. Doch warum nur freuen sich dann alle immer auf die Wochenenden und den Urlaub, niemand aber jemals auf den Montagmorgen?

 

Anmerkungen

[1] Der Wettkampf- und Leistungssport ist sicher nicht zufällig ein ganz typisches Phänomen der Moderne.

[2] Dass meine Darstellung hier etwas stereotyp ist, bitte ich mir nachzusehen.

[3] In Richard C. Schwartz’ „Internal Family System“ (IFS), einer Anwendung des Systems der systemischen Familientherapie auf die Innenwelt des Individuums, werden verdrängte Anteile wie „der Träumer“ oder das „innere Kind“ als „Verbannte“ bezeichnet, die von den „Manager“ genannten Teilpersönlichkeiten wie dem „inneren Kritiker“ oder dem „To-do-Listen-Schreiber“ in der Verbannung gehalten werden  —  auch der „innere Schweinehund“ ist solch ein Verbannter.

[4] Sport bringt in Sachen Abnehmen sowieso wenig bis garnichts. (siehe z.B. Spektrum der Wissenschaft, 11/2017)

[5] Womit ich aber nicht sagen will, dass sämtliche heutigen Arbeitsverhältnisse in dieser Weise vollkommen entfremdet sein müssen.

 

© Matthias Wehrstedt 2018

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