Heuristics & Biases (3) — Der Mere-Exposure-Effekt und die Kritische Theorie

Das Bekannte ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.

G. W. F. Hegel (1770 – 1831)

Teil 3 der Reihe über kognitive Verzerrungen (biases) und Urteilsheuristiken behandelt eine sehr grundlegende irrationale Besonderheit der menschlichen Verstandestätigkeit, und zwar den sogenannten Mere-Exposure-Effekt. Der englische Begriff bedeutet in direkter Übersetzung soviel wie Effekt der bloßen Darbietung, sprachlich eleganter ist die Bezeichnung Vertrautheitseffekt, da auch das englische familiarity effect in der psychologischen Forschung gebräuchlich ist. Gemeint ist die recht simple Tatsache, dass uns vertraute Dinge, Personen und Ereignisse tendenziell angenehmer sind als unvertraute.

Man wird zunächst glauben, diese Behauptung sei trivial, aber seine Meinung vielleicht ändern, wenn man weiß, dass die klassischen Experimente mit sinnlosen Zeichen oder Fantasiewörtern durchgeführt wurden, zu denen die Versuchsteilnehmer keinerlei angenehme oder unangenehme Assoziationen haben konnten. Wird solch ein Zeichen oder Wort ProbandInnen innerhalb einer Reihe häufig gezeigt, so wird es in einer nachfolgenden Befragung positiver beurteilt als Zeichen oder Worte, die die ProbandInnen nur ein oder zweimal gesehen haben (Zajonc, 1968; Zajonc & Rajecki, 1969).

Auch für die Bewertung von Personen wurde der Mere-Exposure-Effekt vielfach nachgewiesen. Moreland & Beach (1982) z.B. schleusten eingeweihte Helferinnen in College-Seminare ein. Sie besuchten bestimmte Kurse, wobei sie sich jedesmal im Seminarraum in die erste Reihe setzten, damit jeder Seminarteilnehmer sie sehen konnte. Um alle anderen Einflüsse auf die spätere Bewertung auszuschließen, war es den Helferinnen verboten, mit irgendjemandem Kontakt aufzunehmen oder sich während des Unterrichts zu Wort zu melden. Variiert wurde die Häufigkeit der Teilnahme der Helferinnen, von maximalen 15 Teilnahmen bis hinunter zu einer Kontrollbedingung ohne jegliche Teilnahme. Nach Ende des Semesters wurden den StudentInnen der Seminare Bilder der jeweiligen Helferin gezeigt, mit der Bitte diese zu bewerten. Die Helferinnen wurden für umso sympathischer gehalten, je häufiger sie in der Veranstaltung optisch präsent gewesen waren.[1]

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Vertrautheit ist mit einem leicht angenehmen Gefühl verbunden. Ein vertrauter Reiz erfordert keine unangenehmen Anstrengungen in der kognitiven Verarbeitung. Es wird vermutet, dass ProbandInnen in Experimenten wie den oben beschriebenen in Wirklichkeit nicht die ihnen präsentierten Zeichen oder Worte beurteilen, die ja für sie keine Bedeutung tragen, und auch nicht die Personen, von denen sie nur das Äußere kennen, sondern dass sich vielmehr das unterschiedliche Ausmaß des mit Vertrautheit einhergehenden angenehmen Gefühls in ihren Beurteilungen der verschiedenen Stimuli niederschlägt. Bekannte Reize sind leichter zu prozessieren als unbekannte, und leichte Verarbeitung ist behaglicher als anstrengende. „Mind at ease puts a smile on the face“, wie es Piotr Winkielman und John Cacioppo in einem Fachartikel ausdrückten (Winkielman & Cacioppo, 2001).

Vertrautheit, das wissen wir schon durch unser Alltagserleben, hat eine beruhigende Wirkung. Die Reize, die Vertrautheit erzeugen, müssen dabei selbst überhaupt nichts Positives an sich haben. Rajecki (1974) beschallte Hühnerembryonen in ihren Eiern mit einem neutralen Ton, der ständig wiederholt wurde. Es ließ sich zeigen, dass die Küken, nachdem sie geschlüpft waren, beim Hören dieses besonderen Tons weniger Stress zeigten als bei anderen Tönen oder ohne jede Beschallung. Der Mere-Exposure-Effekt ist offenbar tief in unserer Biologie (und der Biologie anderer Tiere) verankert.

Ein Tier (oder Mensch), das mit einem neuen, bisher unbekannten Stimulus konfrontiert wird, reagiert darauf sehr aufmerksam, wachsam und eventuell auch verunsichert. Der neue Reiz könnte eine Gefahr signalisieren. Tritt der Reiz immer wieder auf, ohne dass unmittelbare negative Erlebnisse mit ihm einhergehen, so gewöhnt sich der Organismus an ihn, Vigilanz und Aufmerksamkeit nehmen ab und allmählich stellt sich Gleichgültigkeit ein. Ein sehr regelmäßig auftretetender Stimulus kann schließlich sogar zu einem Signal werden, das dem Organismus sagt, dass alles „in Ordnung“ ist und normal läuft, und so eine beruhigende und entspannende Wirkung entfalten. Viele Stadtmenschen sind verunsichert, wenn sie auf dem Land übernachten: es fehlt ihnen plötzlich der tröstende, sanfte Lärmteppich der Stadt; die bukolische Stille wirkt auf sie wie ein Alarmsignal; „irgendetwas stimmt hier nicht“, meldet ihnen ständig ihr Unterbewusstsein.

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Folgt man den in der Psychologie in den letzten Jahrzehnten sehr einflussreichen Dual-Process-Theorien, so gibt es beim Menschen zwei grundsätzlich unterschiedene Denksysteme: das sogenannte System 1 funktioniert intuitiv, sehr schnell, nahezu mühelos, vorwiegend unbewusst und ist ständig aktiv; System 2 dagegen arbeitet analytisch, langsam[2], ist mit energetischem Aufwand verbunden und wird nur zeitweise zum unermüdlich und automatisch tätigen System 1 hinzugeschaltet.[3] Bekannte und vertraute Gegenstände oder Situationen werden in aller Regel nur per System 1 prozessiert, so lange keine ungewöhnlichen Umstände eintreten. Durch das Vertrautwerden mit einem Reiz oder Reizmuster wird das kritische System 2 gewissermaßen eingeschläfert.

Dies gilt umso mehr, als wir in der Regel System-1-Denken als angenehm, System-2-Denken dagegen als anstrengend und aufreibend empfinden (System 2 ist ein Energiefresser). Es gibt in der empirischen psychologischen Forschung der letzten Jahre viele Hinweise darauf, dass auf der einen Seite System-1-Denken, positive Stimmung, Kreativität, mühelose Flüssigkeit der kognitiven Prozesse („fluency“), aber auch Leichtgläubigkeit einen korrelativen Cluster bilden, und auf der anderen Seite System-2-Denken, eher negative Stimmung, Wachsamkeit, Anstrengung und kritisches Misstrauen ebenfalls miteinander zusammenhängen (siehe dazu Kahneman, 2014, S. 93 und Forgas & East, 2008)[4]. Es ist nicht leicht, präzise und logisch zu denken, die meisten Menschen haben wenig Übung darin und noch dazu ist es der guten Laune nicht so zuträglich wie das Pi-mal-Daumen-Denken des intuitiven System 1. System-2-Denken hat keinen leichten Stand in dieser Welt. Und man muss nur die Nachrichten einschalten, um zu sehen, welche Folgen das hat.

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Die Erfahrung vertrauter Reize und Reizkonstellationen ist also tendenziell mit angenehmen Gefühlen verbunden und gleichzeitig ist die Kritikfähigkeit und intellektuelle Wachsamkeit in Bezug auf diese Reize vermindert. Das scheint mir durchaus politische Implikationen zu haben. Denn die gesellschaftlichen Zusammenhänge, in die der einzelne Mensch hineingeboren und somit eingebunden ist, gehören sicher zu den grundlegendsten Vertrautheiten überhaupt. Der Mere-Exposure-Effekt trägt damit vermutlich in nicht unerheblichem Maße dazu bei, dass die herrschenden Verhältnisse vom Großteil der in ihnen Lebenden nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden. Dass die Putzfrau ein Viertel, die Krankenschwester die Hälfte und der Ärztliche Direktor das Vierfache seines eigenen Lohns erhalten, ist für den Krankenhausarzt in der Regel kein Anlass für skeptische Gedanken. Dass die Reklame, die den abendlichen Spielfilm unterbricht, sowohl Anstand als auch Intelligenz jedes vernünftigen Menschen beleidigt, fällt ihm ebenfalls nicht auf. Im (wunderbar billigen) Thailand-Urlaub ist die Massage im Wellnessbereich des Hotels durch eine junge Einheimische (deren armseliger Lohn für die international operierende Hotelkette kaum ins Gewicht fällt) im Pauschalpreis inbegriffen. Unser Arzt ist ein zufriedener Mann.

Das „Glückliche Bewusstsein“ nennt Herbert Marcuse in seinem Klassiker Der eindimensionale Mensch (1967) sarkastisch den Glauben der Menschen des hochtechnisierten Kapitalismus daran, dass das Gegebene, das ihnen Vertraute auch das Vernünftige sei. Der Vertrautheitseffekt und die mit ihm verbundene angenehme fluency helfen ihm dabei, diese Illusion aufrecht zu erhalten. Ich finde es hochinteressant, wie sich hier Wege abzeichnen, Ergebnisse moderner empirischer Psychologie mit „linken“ gesellschaftskritischen Ansätzen in Verbindung zu bringen.

Traditionell ist die Kritische Theorie (z.B. auch Horkheimer & Adorno, 1944; Adorno, 1951), zu der auch Marcuse gerechnet wird, als die vielleicht bekannteste und einflussreichste linke Philosophie-Schule stark mit der Psychoanalyse Freuds und seiner Nachfolger verbunden[5]. Die sich von der Psychoanalyse stark unterscheidende und klar am empiristisch-rationalistischen Zugang der Naturwissenschaften orientierte universitäre Psychologie, die heute den psychologischen Mainstream darstellt und der auch die Forschungen zu kognitiven Verzerrungen (wie dem Mere-Exposure-Effekt) entstammen, wird von den Vertretern der Kritischen Theorie als systemkonforme, positivistisch-behavioristische Herangehensweise abgelehnt. Und so sind diese beiden Denkrichtungen – nicht zuletzt, weil die eine sich explizit geisteswissenschaftlich, die andere ausgesprochen naturwissenschaftlich positioniert – weiterhin verfeindet (berühmt geworden ist der sogenannte Positivismusstreit in 1960er Jahren) und, soweit ich es sehe, geistig nahezu vollkommen isoliert voneinander.

Ohne hier auf die tiefgreifenden Unterschiede zwischen den Herangehensweisen der „zwei Kulturen“ (Snow, 1959) von Geistes- und Naturwissenschaft eingehen zu können, kann man aber mindestens konstatieren, dass beide, Heuristics-and-Biases-Forschung einerseits und Kritische Theorie andererseits, sich – auf gänzlich unterschiedliche Weise – mit der Irrationalität des Menschen beschäftigen, dass beide damit befasst sind, das menschliche Denken einer Kritik zu unterziehen. Die Psychologie der kognitiven Verzerrungen kann dabei als eine sehr nützliche Ergänzung geisteswissenschaftlicher gesellschaftkritischer Ansätze fungieren, denn mit ihrer Hilfe wird verständlicher, warum Menschen dazu tendieren, ungerechte Verhältnisse nicht nur aufzubauen, sondern auch unkritisch zu tolerieren. Es ist anstrengend, das vordergründig Selbstverständliche kritisch zu durchdenken (mit System 2), um es eventuell in Frage zu stellen, dagegen wunderbar leicht, den allgemeinen Trott mitzumachen und sich beim Nachdenken über größere Zusammenhänge auf die diffusen, den Punkt nicht treffenden Antworten von System 1 zu verlassen. Der Mere-Exposure-Effekt sorgt zusätzlich dafür, dass diese Strategie sich ausreichend gut anfühlt: Es ist vertraut, es passiert jeden Tag, also ist es wohl irgendwie o.k.[6]

Wenn wir uns die heutige Welt vorurteilslos anschauen, sehen wir unmittelbar, dass es nicht o.k. ist. Der menschliche Geist bzw. sein Gehirn sind aufgrund seines evolutionären Erbes immer noch so gestrickt, dass auf ganz viel System-1-Denken nur ein sehr kleiner Teil System-2-Denken entfällt, und dieses wird dabei zumeist noch dazu verwendet, noch raffiniertere Methoden zu entwickeln, um die Natur zu beherrschen und immer noch mehr Produkte an immer noch mehr Leute zu verkaufen, um immer noch mehr Geld zu machen. Die herrschenden Verhältnisse fundamental zu hinterfragen, das tut nur eine Minderheit.

Aber System 2 ist auch das, was den Menschen zum Menschen macht; kein anderes Lebewesen verfügt über die prinzipielle Fähigkeit langsam zu denken. Es fehlt nicht zuletzt an der Einsicht, dass eine systematische Förderung dieses Potentials über den Bereich des rein Technischen und Instrumentellen hinaus dringend vonnöten wäre, damit der Mensch endlich das werde, was die alten Philosophen ihm schon immer nachgesagt haben: ein vernunftbegabtes Wesen.

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Anmerkungen

[1] Es ist aber wichtig, hier darauf hinzuweisen, dass diese Ergebnisse, wie fast alle empirisch-psychologischen Erkenntnisse, auf Gruppenuntersuchungen, also auf Durchschnittswerten über zahlreiche ProbandInnen beruhen. Es ist natürlich nicht gesagt, dass der Effekt bei jedem einzelnen Versuchteilnehmer auftrat; er stellt nur eine Tendenz in der menschlichen Informationsverarbeitung dar.

[2] Daher wird es von Kahneman (2014) auch Langsames Denken genannt; nach ihm ist dieser Blog benannt.

[3] Für nähere Ausführungen zu den Dual-Process-Theorien siehe die Artikel unter https://langsames-denken.net/2017/03/24/schnelles-und-langsames-denken/ und unter https://langsames-denken.net/2017/03/05/experiencing-is-believing-die-neuen-rechten-im-lichte-von-dual-process-theorien/

[4] Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder, der kritisch-analytisch denkt, schlechte Laune hat oder umgekehrt der im Intuitions-Modus befindliche Mensch immer fröhlich und kreativ ist. Es handelt sich hier lediglich um leichte Tendenzen in die Richtung, dass die genannten Zustände ein wenig häufiger miteinander auftreten als andere Kombinationen.

[5] Teilweise wird die gesamte philosophische Strömung oder Teile davon auch Freudomarxismus genannt.

[6] Ich habe mich hier auf das kognitive Verzerrungsgeschehen konzentriert. Es ist klar, das Emotionen in Bezug auf die menschliche Irrationalität eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielen.

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Literatur

Adorno, Th. W. (1951 / 2016). Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt a. M.: Bibliothek Suhrkamp. (29. Aufl.)

Forgas, Joseph P. & East, Rebekah (2008). On being happy and gullible: Mood effects on skepticism and the detection of deception. Journal of Experimental Social Psychology, 44, 1362 – 1367.      online: http://www.communicationcache.com/uploads/1/0/8/8/10887248/on_being_happy_and_gullible-_mood_effects_on_skepticism_and_the_detection_of_deception.pdf

Horkheimer, M. & Adorno, Th. W. (1944 / 2002). Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag.

Kahneman, Daniel (2014). Schnelles Denken, langsames Denken. München: Pantheon. (Amer. Originaltitel: Thinking, Fast and Slow. New York: Farrar Straus & Giroux, 2011)

Marcuse, H. (1967). Der eindimensionale Mensch. Neuwied: Hermann Luchterhand Verlag.

Moreland, Richard L. & Beach, Scott R. (1992). Exposure effects in the classroom: The development of affinity among students. University of Pittsburgh.

Rajecki, D. W. (1974). Effects of prenatal exposure to auditory or visual stimulation on postnatal distress vocalization in chicks. Behavioral Biology 11,  S. 525 – 536.

Snow, Charles P. (1959 / 2002). The two cultures. Cambridge: Cambridge Univ. Press.

Winkielman, P., & Cacioppo, J. T. (2001). Mind at ease puts a smile on the face: Psychophysiological evidence that processing facilitation increases positive affect. Journal of Personality and Social Psychology, 81, S. 989 – 1000.      online: http://psy2.ucsd.edu/~pwinkiel/winkielman-cacioppo_Mind-at-ease-JPSP-2001.pdf

Zajonc, Robert (1968). Attitudinal effects of mere exposure. Journal of Personality and Social Psychology, 9, 2, S. 1 – 27.

Zajonc, Robert & Rajecki, D. W. (1969). Exposure and affect: A field experiment. Psychonomic Science, 17, S. 216 – 217.

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© Matthias Wehrstedt 2017

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