Luther und der Höllengott

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn,
dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.
Und wenn du lange in einen Abgrund blickst,
blickt der Abgrund auch in dich hinein.“
Friedrich Nietzsche

 

Im Jahr 2017, genau am 31. Oktober, jährt sich die Veröffentlichung von Martin Luthers 95 Thesen gegen den Ablasshandel [1], der als Auftakt der heute unter der Bezeichnung „Reformation“ bekannten religiösen Revolution am Anfang des 16. Jahrhunderts gilt, zum 500ten Mal. In der evangelischen Welt wird dieses Jubiläum verständlicherweise ausgiebig gefeiert; die deutschen Protestanten riefen sogar volle 10 Jahre ab 2008 vorab zur „Lutherdekade“ aus, um auf das enorme Datum hinzuleiten und veranstalten dieses Jahr republikweit ein riesenhaftes Spektakel rund um den Reformator, speziell in der „Lutherstadt“ Wittenberg. [2]

Auf der anderen Seite wurde als Antwort auf dieses Ausmaß an Verehrung von religions- und kirchenkritischer Seite ein heftiges Luther-Bashing betrieben. Sein Glaube an Teufel und Dämonen, sein Aufruf zu rücksichtsloser Gewalt gegen die aufständischen Bauern, seine Frauenfeindlichkeit und insbesondere sein scharfer Antisemitismus im Alter wurden und werden mit leidenschaftlicher Vehemenz an den Pranger gestellt und ihm derhalben insgesamt die Eignung als große Persönlichkeit und geistiges Vorbild abgesprochen. Texte, die dieser Linie folgen, sind beispielsweise Hubertus Mynareks „Ein monströser Gott“ (über Luthers Gottesbild) und „Martin Luthers Großangriff auf Philosophie und Vernunft“ (Mynarek, 2016a & 2016b), beide Ende 2016 beim Humanistischen Pressedienst (https://hpd.de) erschienen. In Buchform wären da z.B. Henkel (2017) und Wippermann (2014) zu nennen. Kritische Aktionen wie der „Nackte Luther“ begleiteten evangelische Kirchentage und Jubiläumsveranstaltungen. Auch Fernsehphilosoph Richard David Precht mag den Reformator nicht und nennt ihn einen „widerlichen Gesellen“ und „Verbrecher an der Menschheit“.[3]

Ich halte diese Kritik für undifferenziert und reichlich flach. Vor allen Dingen übersieht sie einen entscheidenden Gesichtspunkt, nämlich, dass Martin Luther wie kaum ein anderer die Maxime beherzigte, die Kant rund 250 Jahre später als Kernforderung der Aufklärung aufstellen sollte: „Sapere aude – wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“. Dass man dies in der Tat wagen muss, was nichts anderes bedeutet, als dass diese Tätigkeit mit Gefahren verbunden ist, lässt sich bei Luther wohl so deutlich aufzeigen wie sonst bei kaum jemandem. Nicht nur, dass er sich mit seiner Neuinterpretation zentraler Glaubenssätze gegen den gesamten religiösen common sense seiner Zeit stellen musste und dass Kirche und Kaiser ihn dafür mit dem Tod bedrohten, nein, auch die Inhalte seines Denkens selbst waren höchst gefährlich. Schließlich rang Luther als junger Mönch jahrelang darum, „einen gnädigen Gott zu bekommen“, was bedeutet, dass es um nicht weniger als um die Alternative Himmel versus Hölle, um die Entscheidung zwischen ewiger Seligkeit in Gottes Nähe oder ewiger Verdammnis in niemals endenden Höllenqualen ging.

Wir heutigen Menschen [4] können uns nur noch schwer vorstellen, welche Beklemmung und Bedrückung im ausgehenden Mittelalter auf den Bewohnern des christlichen Europa lag. Nicht nur, dass die Realität eine weitgehend lieblose und gewalttätige war [5], auch die Aussicht auf die eigene Sterblichkeit war von einem schrecklichen Schatten verdunkelt: dem der Möglichkeit, nach dem Tod nicht zu den Glückseligen zu gehören, die Jesu’ Blut erlöst hatte und die in das himmlische Jerusalem einziehen durften, sondern unentrinnbar und für alle Zeit samt Teufeln und Dämonen in das nie erlöschende Feuer der Hölle geworfen zu werden.

Denn die Bibel ist in diesem Punkt sehr klar: Zahlreiche Stellen im Neuen Testament (das Alte kannte die Hölle in dieser Form noch nicht), davon viele Aussagen von Jesus selbst, lassen für den, der aufrichtig daran glaubt, dass im heiligen Buch der Christen die Wahrheit über die Welt steht, keinen anderen Schluss zu: es wird am „Ende der Zeit“ ein großes Gericht geben, bei dem alle Menschen, die jemals auf Erden gelebt haben, rigoros in zwei Gruppen aufgeteilt werden – eine (vermutlich deutlich kleinere) Gruppe wird von da an nie endendes Glück erleben (das „ewige Leben“), während der anderen (vermutlich wesentlich größeren) Gruppe das exakte Gegenteil beschieden ist, nämlich die Folter in einem höllischen Feuer, das die in ihm befindlichen Verdammten nicht tötet, sondern in der Qual des Verbrennens am Leben lässt. Und zwar für alle Zeiten am Leben lässt! [6]

Um besser zu verstehen, was hier für den frommen Christen (wie Luther) auf dem Spiel stand (und steht), sollte man sich einmal kurz ausmalen, was es tatsächlich bedeutet, für alle Zeiten in einer solchen Hölle gefangen zu sein.

In buchstäblich jeder Sekunde erlebt man den Horror und die Schmerzen desjenigen, der lichterloh in Flammen steht – aber man wird dabei nicht bewusstlos oder stirbt irgendwann, sondern erlebt diese Marter ohne Pause fortwährend und bewusst weiter. Als ob dies noch nicht grauenhaft genug wäre, weiß man ja auch, dass man aus diesem Zustand niemals wieder herauskommen wird und dass es niemals einen wie auch immer gearteten Ausweg aus dieser unfasslichen Schrecklichkeit gibt, sondern dass alle Chancen etwas ändern zu können für immer vertan sind, dass dies alles für die nächste Stunde, den nächsten Tag, das nächste Jahr und für Jahrtausende, Jahrmillionen, Jahrmilliarden immer so weitergehen wird. Und auch nach einer Billion Jahre Feuerfolter und totaler Verzweiflung ist gerade erst eine Sekunde der Ewigkeit verstrichen… (Wer es noch umfassender ausgemalt haben will, sollte einmal die Adresse http://kath-zdw.ch/maria/hoelle.html besuchen, wo von katholischen Fundamentalisten geradezu genüsslich ausgebreitet wird, wie es dem Sünder in der endlosen Verdammnis ergehen wird.)

So wie hier beschrieben stellten sich in der Tat die Autoren der Bibel und Begründer des christlichen Glaubens die Existenz des größeren Teils der Menschen nach ihrem Tod vor. Und ihnen folgten darin die strenggläubigen Christen späterer Zeiten und auch die der Gegenwart. [7] Schon diese konkrete Vorstellung dessen, was Hölle bedeutet, ist im Grunde unerträglich für einen fühlenden und denkenden Menschen. Ich führe dies hier so drastisch und ausführlich aus, weil ich denke, dass eben auch der junge Mönch Martin Luther diese Fantasien hatte und dass sie auch für ihn unerträglich waren. Wie konnte er bloß dem unsäglichen Schicksal der endlosen Verdammnis entgehen? Wie konnte er sicher sein, dass er beim Jüngsten Gericht zu den wenigen Auserwählten gehörte? Hatte er im Kloster genügend Bußübungen durchgeführt, um diesen schrecklichen und finsteren Gott gnädig zu stimmen? Der junge Luther wusste es nicht, obwohl er sich besonders gewissenhaft kasteite und wie kein anderer ständig zusätzlichen Exerzitien unterwarf, die über die schon strengen Ordensregeln der Augustiner hinausgingen. Er litt daher fortgesetzt unter existenzieller Angst, die sich immer wieder zu heftigen Panikanfällen steigerte (vgl. Schwilk, 2017; Eriksson, 1958)  – angesichts der unglaublichen Drohungen einer postmortalen Existenz in der Hölle sind das durchaus verständliche, um nicht zu sagen gesunde Reaktionen. Luther wird später sagen, dass er beim Nachsinnen über die unbegreiflichen dunklen Seite des christlichen Gottes mehrfach „bis auf Todsgefahr angefochten“ worden sei (zit. in Mynarek, 2016a).

Christen (aber auch Moslems [8]), die an die wahrhafte Realität einer ewigen Hölle glaubten oder glauben, hüten sich in den allermeisten Fällen tunlichst, sich jemals klarzumachen und lebhaft vor Augen zu führen, was dies tatsächlich bedeutet. Das wäre zu schrecklich und würde zudem vermutlich ihre Glaubengewissheit sowie die Sympathien für ihren Gott ernsthaft beschädigen. Höllengläubige vermeiden (verständlicherweise) in der Regel jeden tieferen Gedanken an das von ihnen Geglaubte. Besonders die Christen der Gegenwart reflektieren nur die tröstlichen Teilbotschaften ihrer Religion („Liebe deinen Nächsten“ usw.) und lügen sich damit selbst in die Tasche; das Bild ihres Glaubens ist in substantieller Weise unvollständig. Luthers Gewissenhaftigkeit und Wahrheitsliebe ließ einen solchen Selbstbetrug nicht zu. Er sah der grausamen Botschaft der Bibel ins Gesicht, auch wenn ihm das viele schreckliche Stunden bereitete. Die Idee, dass eventuell das Heilige Buch selbst irren könnte und seine vermeintlichen Wahrheiten abzulehnen seien, war am Anfang des 16. Jahrhunderts selbst einem hochintelligenten und eigensinnigen Charakter wie Luther einfach noch nicht möglich.

Nun konnte natürlich der beschriebene individuelle Verdrängungsmechanismus in der Welt am Ende des Mittelalters nur begrenzt wirksam werden, da ja Kirche und Klerus anders als in heutiger Zeit die Schrecken der Hölle gern und häufig an die Wand malten. Aber es gab andere religiös-soziale Konstruktionen, die dem einzelnen Gläubigen das Leben erleichterten. Indem die große Mutter Kirche sich als Mittlerin zwischen dem allmächtigen, zürnenden Gott und dem sündigen, ängstlichen Menschlein betätigte, nahm sie diesem einen Teil seiner Angst vor den jenseitigen Strafen. Behauptete die Kirche doch, „den Schatz der Sühneleistungen Christi und der Heiligen autoritativ“ zu verwalten und dem einzelnen Kirchenmitglied zuwenden zu können – wie es noch heute im Codex Iuris Canonici, dem kirchenrechtlichen Gesetzbuch der römisch-katholischen Kirche, im Kapitel über Ablässe, Can. 992, heißt. Dass auf diese Weise nicht mehr der unerforschliche – und damit letztlich unberechenbare – Gott das Verfügungsmonopol über die Heilsleistungen besaß, sondern mit der Kirche auch eine menschliche Institution Einfluss auf das ewige Schicksal des Einzelnen hatte und diesem im Kampf um die Errettung beistehen konnte, machte das Glaubensleben erträglicher. Mit Menschen konnte man reden, mit Menschen konnte man Kompromisse aushandeln; beim bipolaren Gott von Himmel und Hölle war das nicht möglich.

Der fromme Katholik des Mittelalters stand also nicht allein und ohnmächtig vor seinem Gott. Ihm leisteten neben der Kirche auch die Jungfrau Maria und die unzähligen Heiligen vom Jenseits aus Unterstützung. Nach jeder Beichte beim Dorfpfarrer konnte er sich gereinigt und erleichtert fühlen. Er konnte außerdem selbst mit einer Vielzahl gottgefälliger Verhaltensweisen sein „Heilskonto“ im positiven Bereich halten, er konnte für die Armen spenden, Wallfahrten machen, Reliquien berühren, der Kirche Geld oder Sachwerte stiften, an Prozessionen teilnehmen, rituelle Gebetsformeln sprechen usw. usf. Die Lehre der Heiligen Schrift in ihrem fürchterlichen Ernst war auf vielfältige Weise entschärft und gewissermaßen menschlicher gemacht worden.

Damit nun räumte Martin Luther gründlich auf. Alle menschlichen Bemühungen um Rettung vor der Verdammnis seien vergeblich, so sein Credo, ganz allein die Gnade Gottes könne den wegen des Sündenfalls ganz und gar verderbten Menschen von seinem schrecklichen Schicksal erlösen (sola gratia). Genau diese Ablehnung aller „Werkgerechtigkeit“ hatte schon Paulus in seinen biblischen Briefen – besonders im Römer-Brief – gelehrt. Die Glaubenspraxis des spätmittelalterlichen Christentums hatte sich von dieser reinen Lehre sehr weit entfernt. Im Grunde war (und ist) die katholische Kirche in einen grundlegenden Widerspruch verstrickt: Einerseits wurde die Theologie des Paulus aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Bibel als unantastbare Auslegung des Geschehens um den galiläischen Rabbi Jeschua von Nazareth klassifiziert [9]. Andererseits aber wurde im Alltag des Glaubenslebens ganz Anderes verkündet und praktiziert.

Zahllose Glaubensinhalte und Bräuche wurden außerdem zusätzlich zu den der Bibel entnommenen erfunden: die Beichte, die Heiligen, die Muttergottes, Wallfahrten, Reliquienverehrung wurden schon genannt, dazu kamen das Fegefeuer [10], die Sakramente der Firmung, Buße, Weihe u.ä. Die moralische Verderbtheit der Renaissance-Päpste, der Kardinäle und der meisten Bischöfe und der hemmunglose Ablasshandel zur Finanzierung der Kirchenmacht waren nur die gröbsten Wirkungen einer grundsätzlichen Bereitschaft, den Pfad der biblischen Lehre zu verlassen, sobald dieser zu schwierig erschien. Luther zeigte die vielen Widersprüche der Lehre der katholischen Kirche unerschrocken auf und bestand auf einer Rückkehr zur originären Lehre des Neuen Testaments. Und hatte nicht auch der Religionsgründer dereinst in Judäa gegen die Bigotterie und erstarrten Rituale der jüdischen Schriftgelehrten gepredigt?

Martin Luther war skeptisch dem vorherrschenden Denken seiner Zeit gegenüber und er glaubte nichts, das er nicht mit dem eigenen Verstand und Auffassungsvermögen völlig durchdrungen hatte. In diesem Sinne war zumindest jener junge Luther der ersten Jahre der Reformation ab ca. 1515 in seiner Grundhaltung ein früher Aufklärer. Sein einziger Fehler bestand darin, dass seine Grundannahme, nämlich, dass in der Bibel die Wahrheit über unsere Welt beschrieben wird, falsch ist. Das lässt sich heute leicht sagen, aber am Beginn des 16. Jahrhunderts war solch eine Idee de facto kaum denkbar. Zu abgeschlossen und durchgängig akzeptiert war das Weltbild des spätmittelalterlichen Menschen im christlichen Europa als das ein Einzelner quasi aus dem Nichts den Glauben hätte grundsätzlich in Frage stellen können. Dazu war es ideengeschichtlich einfach noch zu früh.

Man darf es nicht Luther vorwerfen, dass vieles an seiner Lehre und an seinem Gottesbild düster und irrational wirkt, sondern diese Anklage muss man gegen die Bibel vorbringen. Der Gott der Bibel ist eben in extremster Weise janusköpfig: Auf der einen Seite der barmherzige, die Menschen liebende Vater, der seinen Sohn – nach der Trinitätslehre also quasi sich selbst – auf Golgatha zu Tode martern lässt, um deren Schuld zu tilgen [11]. Auf der anderen Seite aber der düstere Gott der rasenden Rache, der beim Jüngsten Gericht alle, die sein Versöhnungsangebot nicht annahmen, der ungeheuerlichen Strafe des ewig andauernden Verbrennens überantwortet. Ersterer wird viel erwähnt und gepriesen, über den zweiten schweigt man betreten oder leugnet ihn heutzutage ganz einfach.

Luther war sich dieses enormen Widerspruchs im biblischen Gottesbild noch sehr bewusst. In seiner Schrift De servo arbitrio (Vom unfreien Willen) von 1925 heißt es:

„Das ist der größte Grad des Glaubens, zu glauben, dass der gütig ist, der so wenige rettet, so viele verdammt; zu glauben, dass der gerecht ist, der durch seinen Willen uns notwendig verdammenswert macht.“

Das weichgespülte Friede-Freude-Eierkuchen-Christentum vieler moderner Menschen, die sich genieren, den Begriff Gott zu verwenden, weil in dessen ehrfurchtgebietenden Klang schon eine Ahnung von Schrecklichkeit steckt und stattdessen vom „lieben Gott“ sprechen, hat meistens kaum eine Ahnung, was wirklich im sogenannten Buch der Bücher steht. „Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gott zu fallen“ (Hebr. 10, 31) heißt es dort.

Martin Luther hat die finstere Seite des christlichen Gottes stets besonders unterstrichen (siehe dazu auch Mynarek 2016a). In seinen Predigten über das 2. Buch Mose (1524 / 1527) beispielsweise sagt er – wohl auch in Erinnerung an die selbst durchlittenen Qualen im Kampf um einen gnädigen Gott:

„Solt ich […] Gott messen und urteiln nach meiner Vernunfft, so ist er ungerecht und hat viel mehr Sünde denn der Teufel, ja er ist erschrecklicher und grewlicher denn der Teufel, denn er handelt und gehet mit uns umb mit gewalt, plaget und martert uns und achtet unser nicht.“

Nun ist das zwar biblisch fundiert, aber in der Tat sehr antirational. In einer Zeit, in der mit der Renaissance ein vernünftigeres und humaneres Welt- und Menschenbild im Aufschwung begriffen war, scheint Luther auf der ersten Blick fehl am Platze zu sein. Andererseits aber ist er ein konsequenter Individualist, sein Mensch steht ohne institutionellen Beistand allein mit seinem Gewissen vor Gott, was wiederum eher modern anmutet. Der Psychoanalytiker Erik H. Erikson, der eine Studie über den jungen Luther schrieb (Erikson, 1958), drückt es so aus:

„[Luther tat] die Schmutzarbeit der Renaissance […], indem er einige ihrer individualistischen Grundsätze auf den noch immer stark befestigten ureigenen Bereich der Kirche anwandte – das Gewissen […]“ (S. 213)

Der Wittenberger Reformator wagte es, uns das doppelte Gesicht des christlichen Gottes zu zeigen: das freundliche Antlitz des barmherzigen Erlösers und die finstere Miene des gnadenlosen Höllengottes, dessen Rache am hilflosen Menschen kein Maß kennt. Luther klärt uns gewissermaßen über den tatsächlichen Inhalt der vermeintlich heiligen Schrift auf. Dass dieser Inhalt eine Zumutung für die menschliche Vernunft ist, bleibt dabei unbestritten. Indem er der Welt (und sich selbst) die ganze Wahrheit, auch ihre unerträglichen Seiten vor Augen führt, wird der Reformator zu einer Art Protoaufklärer, der die christliche Lehre vom Kopf zurück auf die Füße stellt. Dass dabei viele der Ideale des Renaissance-Humanismus auf der Strecke bleiben, weil die Inhalte der Bibel nun einmal so sind wie sie sind, ist die andere Seite dieser Medaille. Das geistige Schaffen Luthers und seine Wirkungen auf die sich anbahnende Moderne sind komplex, widersprüchlich und doppelbödig.

~ ~ ~

Der junge Martin Luther fand schließlich nach langen Jahren der Angst vorm Zorn des Höllengotts doch noch Erlösung. Während der Meditation über eine Stelle im Römerbrief (1, 17) verstand er in einer Art Erleuchtungserlebnis mit einem Mal auch die freundliche und gnädige Seite seines Gottes und war von diesem Augenblick an von seinen chronischen Ängsten geheilt. Interessanterweise kann man dieses sogenannte „Turmerlebnis“ bis heute nicht genau datieren. Es sind die Jahre 1511 bis 1518 in der Diskussion. Doch dies hier nur am Rande.

Meine Betrachtungen galten diesem jungen, um religiöse Erlösung und einen gnädigen Gott ringenden Martin Luther und dem frühen Reformator und seinem Gottesbild. Mit fortschreitendem Alter bestimmte aber immer stärker ein misanthropisch-cholerisch-vulgärer Zug Luthers Persönlichkeit (vgl. Schwilk, 2017, Kap. 3). Der sich im apokalyptischen Endkampf wähnende Reformator [12] drosch in seinen Traktaten immer rabiater auf seine Gegner ein, im festen Glauben, das auserwählte Werkzeug des Herrn in diesen letzten Zeiten vor dem Jüngsten Gericht zu sein. Seine extrem judenfeindlichen Schriften von 1543 und 1546 [13] weisen den alternden Luther als Antisemiten der schlimmsten Sorte aus, daran gibt es nichts zu deuteln; noch wenige Tage vor seinem Tod 1546 warb er aktiv und vor Ort dafür, dass die Juden des Mansfelder Landes (seiner Heimat) von den Autoritäten aus dem Land getrieben werden.

Aber auch hier sollte man sich zum besseren Verständnis wieder vor Augen führen, dass im Hintergrund die Bibel steht – ein Buch, das voller Gewalt ist und vor allem einen Gott propagiert, der zwar einerseits die Menschen liebt, andererseits aber auch Ungehorsam brutal und rücksichtslos bestraft. Im Alten Testament rafft er für die Palästina besiedelnden Israeliten ganze Völkerscharen dahin, und einmal ersäuft er sogar die gesamte Menschheit und lässt nur eine Handvoll Ergebener übrig. Im Neuen Testament geht es zwar viel um Nächstenliebe und Liebe Gottes zu den Menschen, aber unter dieser Oberfläche lauert jetzt die alle Grausamkeiten der Vergangenheit in den Schatten stellende ewige Hölle, die das zentrale Thema dieses Artikels war.

Das Christentum – zumindest das die Bibel wörtlich nehmende Christentum – ist heute wie damals eine totale, um nicht zu sagen totalitäre, Religion [14]. Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich. Entweder ewige Glückseligkeit oder ewige Höllenfolter. Es geht um alles oder nichts. Gottes Grausamkeit und sein Totalitätsanspruch ebnen dem Inhumanen auch bei seinen Anhängern den Weg.

Martin Luther wagte es, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen; das Resultat seines Denkens war die von Verfälschungen und Hinzufügungen gereinigte Botschaft der Bibel; und genau das macht seine Lehre eben auch so schauderhaft. Der Abgrund, in den Luther so lange hineingeschaut hat, blickt uns aus seinen Schriften und seiner Lehre heraus unverwandt an.

 

Anmerkungen

[1] Nachdem die Legende vom öffentliche Aushang dieser Thesen am Eingang der Wittenberger Schlosskirche einige Jahrzehnte in Zweifel gezogen worden war, scheint den Historikern seit neuestem wohl wieder wahrscheinlicher, dass sie wahr sein könnte. Siehe https://www.luther2017.de/de/martin-luther/geschichte-geschichten/an-den-tueren-der-wittenberger-kirchen/

[2] Dort wird eine „Weltausstellung Reformation“ (Jubiläumspartner Deutsche Bahn und VW) zelebriert, einschließlich bspw. einem „Seelsorge-Riesenrad“, einem „Erlebnisraum Taufe“ und einer Austellung moderner Kunst unter dem Namen „Luther und die Avantgarde“; siehe https://r2017.org/

[3] Im Interview mit der Münchner Abendzeitung am 28.12.2015 > http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.eine-geschichte-der-philosophie-richard-david-precht-luther-war-ein-widerlicher-geselle.22ea6d51-3298-4339-8918-ca3e25b322fc.html

[4] Jedenfalls die durchschnittlichen Einwohner westlicher kapitalistischer Demokratien.

[5] Aus Luthers Biografie: „Für kleinste Verfehlungen wie dem Diebstahl einer einzigen Nuss wird er von seiner Mutter bis aufs Blut ‚gestäupt’, und Hans Luder [der Vater] verprügelt seinen Sohn mehrfach so hart, dass der Junge sich tagelang vor ihm versteckt…“, (Schwilk, 2017, S. 21). Auch in seiner ersten Schule, der Mansfelder Trivialschule, die er ab dem Alter von 7 Jahren 6 Jahre lang besucht, gibt es tägliche Prügel und Demütigungen, sogar noch schlimmer als zu Hause, so dass Luther später die Schule eine „Teufelsschule“ und eine „Hölle und ein Fegfeuer“ nennt (Schwilk, 2017, S. 23).

[6] Einige entsprechende Bibelstellen mit Direktlink: Matth. 5, 29-30, Mk. 9, 43-48, Lk. 16, 19-31, Mt. 13, 40-42, Mt. 25, 31-33 / 41-46, Off. 14, 9-11 ; in der Zusammenschau ergibt sich ein sehr eindeutiges Bild.

[7] Welche psychologischen Ursachen dieser ungeheuerlichen Fantasie zugrunde liegen und wie seltsam es ist, dass trotz der Lehre von der Hölle das Christentum seit jeher als Religion der Liebe im Denken der Menschen verankert ist, wären natürlich Themen für eigene Texte.

[8] „Diejenigen, die nicht an unsere Zeichen glauben, die werden wir im Feuer brennen lassen: So oft ihre Haut verbrannt ist, geben wir ihnen eine andere Haut, damit sie die Strafe kosten. Wahrlich, Allah ist allmächtig, allweise.“ (Koran, Sure 4, 56)

[9] Paulus ist gewissermaßen der Ur- und Chefideologe der christlichen Religion. Die moderne Forschung sieht in ihm im Allgemeinen sogar den Erfinder des Christentums, während Jesus vermutlich lediglich eine grundlegende Reformation des jüdischen Glaubenslebens anstrebte.

[10] Wohl eine Erfindung Gregors des Großen aus dem 6. Jahrhundert, siehe hier.

[11] Wobei man natürlich hier fragen kann, warum die Menschen eigentlich Gott irgendetwas schuldig sind.

[12] Nicht zuletzt standen 1529 die Osmanen vor Wien; im Übrigen meinen wohl die strenggläubigen Christen zu allen Zeiten, dass ihre Epoche die in der Offenbarung des Johannes beschriebene Endzeit sei.

[13] Von den Juden und ihren Lügen (1543), Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi (1543), Vermahnung wider die Juden (1546)

[14] Das machte sie übrigens – trotz scheinbar friedlicher Botschaft – von Anfang an zu einer idealen Religion für die gewalttätigen Machthaber.

 

Literatur

Erikson, E. H. (1958 / 1975). Der junge Mann Luther. Eine psychoanalytische und historische Studie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Taschenbuch.

Henkel, P. (2017). Schluss mit Luther – Von den Irrwegen eines Radikalen. Baden-Baden: Tectum-Verlag. > Besprechung von A. Pfahl-Traughber: https://hpd.de/artikel/schattenseiten-des-reformators-14629

Mynarek, H. (2016a). Ein monströser Gott. > https://hpd.de/artikel/monstroeser-gott-13721

Mynarek, H. (2016b). Martin Luthers Großangriff auf Philosophie und Vernunft. > https://hpd.de/artikel/martin-luthers-grossangriff-philosophie-und-vernunft-13765

Schwilk, H. (2017). Luther – Der Zorn Gottes. Biografie. München: Karl Blessing Verlag.

Wippermann, W. (2014). Luthers Erbe – Eine Kritik des deutschen Protestantismus. Primus Verlag.

 

 

© Matthias Wehrstedt 2017

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