Es gibt etwas

Ich weiß nicht, wie viele der geschätzten LeserInnen sich schon einmal über die eigentümliche deutsche Wendung „Es gibt etwas“ gewundert haben. Vermutlich nicht so viele. Ich finde sie jedenfalls sehr merkwürdig, nicht zuletzt im wörtlichen Sinne von ‚würdig, sie sich zu merken’.

Was, wieso, was soll denn da merkwürdig sein?, höre ich jetzt viele ausrufen. Die Formulierung ist uns so geläufig, dass uns ihre Eigenartigkeit kaum auffällt: Was für ein „Es“ ist das denn, dass uns da etwas „gibt“, in dem Sinne, das dieses Etwas dadurch Existenz, Dasein, Realität, Wirklichkeit für sich beanspruchen kann?

Es gibt Schweinshaxe mit Knödeln. Neulich gab es einen großen Tumult in Hamburg. Eines Tages wird es Roboter geben, die intelligenter sind als Menschen. So sagen wir.

Nun mag man spontan meinen, das „Es“ im Satz „Es gibt etwas“ sei Gott. Aber was bedeutet dann die Feststellung „Es gibt Gott“ beziehungsweise „Es gibt keinen Gott“?

Nein, dieses Es scheint größer und grundlegender zu sein als Gott – Es gleicht wohl eher dem ewigen, unerschöpflichen Urgrund, aus dem alle Erscheinungen der Welt und alle unsere Vorstellungen heraufkommen, um in der Realität Gestalt anzunehmen. Hier nennen wir dann dieses vielfältige wirklich Gewordene die Gegebenheiten.

Nicht selten erstaunt oder ärgert uns das Gegebene. „Das gibt Es doch nicht!“, rufen wir dann verblüfft oder auch empört aus. „Dass Es das geben kann!“, wundern wir uns, wenn uns die immensen Zauberkräfte des Es wieder einmal besonders bemerkenswert oder kurios erscheinen.

Ja, das ist die besonders tiefsinnige Sprache der Deutschen, wird jetzt möglicherweise mancher bemerken. Mag sein. Im Englischen sagt man ganz besonders schlicht und prosaisch „There is…“, wenn man sagen will, dass es etwas gibt. Ähnlich nüchtern ist das Italienische: „C’e“ oder „Ci sono“, was einfach bedeutet „Hier ist / sind“. Spanisch heißt es kurz und knapp „Hay“ – „(Es) hat“. Nur im französischen „Il y a“ gibt es (!) ähnlich wie im Deutschen ein Pronomen in der Formulierung, das aber eigentlich nicht „Es“, sondern „Er“ bedeutet. „Er hat dort“ sagt der Franzose also; woher Er es hat, weiß man nicht – wahrscheinlich vom Es. Nur im Deutschen, so scheint es, wird die bloße Existenz einer Sache zum aktiven Geschehen, zu einer Handlung eben jenes geheimnisvollen Es, das ständig alles gibt, was es gibt.

Zum typisch Deutschen, das in der Wendung „Es gibt etwas“ steckt, passt gut, dass auch der vielleicht deutscheste aller Philosophen, Martin Heidegger, darüber nachgedacht hat:

„Es gibt Zahlen, es gibt Dreiecke, es gibt Bilder von Rembrandt, es gibt U-Boote; ich sage: Es gibt heute noch Regen, es gibt morgen Kalbsbraten. Mannigfache »es gibt«, und jeweils hat es einen anderen Sinn und doch auch jedes wieder ein in jedem antreffbares identisches Bedeutungsmoment. Auch dieses ganz abgeblaßte, bestimmter Bedeutungen gleichsam entleerte bloße »es gibt« hat gerade wegen seiner Einfachheit seine mannigfachen Rätsel.“ [1]

Eines dieser Rätsel wäre:

Wenn Es geben kann, kann Es dann auch nehmen?

 

[1] Heidegger: Vorlesung 1919. In: Gesamtausgabe (GA), Band 56 / 57. Frankfurt a. M.: Klostermann. (1987)

 

© Matthias Wehrstedt 2017

6 Gedanken zu “Es gibt etwas

  1. Ich denke schon, dass „es“ nehmen kann. Wenn wir “ es“ haben, nimmt „es“ uns auch etwas. Beispiel: es gibt Kalbsschnitzel und es nimmt uns den Hunger. Das kann man auf alle Sachen in einer anderen Weise übertragen
    LG Jona

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  2. Schöner Beitrag. Bemerkenswert. Ich liebe die Deutsche Sprache. Wer ganz tief in diese taucht und fühlt, kann mehr als ein Wunder erleben. Ich glaube, dass es eine Zaubersprache ist. Es gab uns die Möglichkeit, derart zu sprechen, dass sich die Dinge – wie von selbst ergeben. 🙂 Es nimmt uns die Angst und gibt Mut, damit wir den Reichtum im Leben entdecken, der jenseits aller Kassen existiert. Fröhliche Grüße sowie viel Freude beim Geben und Tun * Luxus

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