Schnelles und langsames Denken

Einige Erläuterungen zum Namen dieses Blogs

Nachdem ich in meinem letzten Artikel bereits die in der Psychologie der letzten Jahre viel beachteten Dual-Process-Theorien erwähnt hatte, möchte ich jetzt etwas näher erläutern, worum es sich dabei handelt. Außerdem wird der Leser durch diesen Beitrag (hoffentlich) besser verstehen, wieso dieser Blog eigentlich Langsames-Denken.net heißt.

Schnelles Denken

Bitte betrachten Sie das Bild unten. Wenn die geneigte LeserIn das tut, kann sie / er das Schnelle Denken in Aktion beobachten.

angela-merkel_freude_system1

Selbst wenn Sie nur ganz kurz hingeschaut haben, wissen Sie ohne nachzudenken, dass die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel abgebildet ist und auch, dass sie offenbar bester Laune ist. Möglicherweise finden Sie das Bild amüsant, da man Merkel sonst nur selten mit so lebendiger Mimik sieht, eventuell mischt sich eine Spur Spott in Ihre Reaktion, weil Sie meinen, dass die Kanzlerin hier nicht besonders intelligent wirkt, und vielleicht misstrauen Sie dem breiten Grinsen auch ein wenig und haben den Eindruck, dass es etwas übertrieben und gekünstelt wirkt.[1] Je nach politischer Ausrichtung werden sich beim Betrachter auch mehr oder weniger positive oder negative Gefühle, die er mit der Person Merkels verbindet, einstellen.

All diese Reaktionen geschahen in wenigen Sekunden und vor allem ohne dass es Ihnen irgendwelche Mühe bereitete. Sie hatten noch nicht einmal die Absicht, die Person auf dem Bild zu erkennen, oder ihren Gemütszustand einzuschätzen, oder Überlegungen zur Echtheit der gezeigten Emotion anzustellen (oder was immer Ihnen spontan durch den Kopf geschossen ist). Das passierte einfach von ganz allein, ohne dass Sie es geplant haben und ohne dass Ihnen überhaupt bewusst wurde, dass Ihr Geist (bzw. Ihr Gehirn) in jenen wenigen Sekunden jede Menge Informationen prozessierte. Wir haben es hier mit einem typischen Fall von Schnellem Denken zu tun. Das ist der Name, den diesem Modus des Denkens Daniel Kahneman (in Kahneman, 2014[2]) gegeben hat. Andere Forscher haben dieses System bzw. diesen Denkmodus anders bezeichnet. Der amerikanische Psychologe Keith Stanovich hat vorgeschlagen, es ganz ohne inhaltliche Charakterisierung einfach System 1 zu nennen, im Gegensatz zu System 2, dem Langsamen Denken (dazu unten mehr). Es gibt diverse psychologische Theorien, die zwei grundsätzlich verschiedene Denktypen bzw. -systeme im Sinne der beiden hier vorgestellten postulieren; sie bilden eine Gruppe, die heute unter der Überschrift „Dual-Prozess-Theorien“ zusammengefasst wird (für eine Übersicht über verschiedene Dual-Prozess-Ansätze siehe z.B. Stanovich, West & Toplak, 2014).

Zurück zum Merkel-Bild: Man erfährt durch dieses Allerweltsbeispiel schon so einiges über dieses „System 1“. Es arbeitet

  • – automatisch
  • – autonom (es läuft ohne willentliches Zutun „von ganz allein“)
  • – unwillkürlich
  • – weitgehend unbewusst
  • – mühelos
  • – assoziativ (verschiedene Gedanken bzw. Gefühle werden ohne besondere Regeln miteinander verknüpft, Prinzip des „ersten Gedankens“)

System 1 ist

  • – affektorientiert (Kognitionen und Emotionen sind in System 1 miteinander „verwoben“)
  • – tendenziell subjektiv (nicht zuletzt aufgrund der Gefühlsanteile)
  • – sehr schnell (Informationen verschiedener „Kanäle“ werden parallel verarbeitet)
  • – ständig aktiv

Eine vollständigere Auflistung der Eigenschaften beider Systeme findet die LeserIn in der Tabelle am Ende des Artikels.

 

Langsames Denken

Und nun direkt im Kontrast zur leichten „Aufgabe“ im vorigen Abschnitt (einfach ein Bild betrachten) nun etwas, wozu man Langsames Denken braucht:

Berechnen Sie im Kopf das Produkt:

37  x  82

Sofort ist es vermutlich bei den meisten Lesern mit der Leichtigkeit und Mühelosigkeit vorbei!

Wenn Sie sich dabei beobachten, wie Sie versuchen diese zweite Aufgabe zu lösen, merken Sie sofort, dass Sie hier eine ganz andere kognitive Herangehensweise benötigen wie beim Anschauen eines Bilds von Angela Merkel. Sie müssen eine ganz bewusste und willentliche Anstrengung unternehmen, um mit der Berechnung zu beginnen, möglicherweise haben Sie gar keine Lust dazu (Sie wissen, dass es mühevoll wird), oder aber Sie empfinden die Aufgabe als Herausforderung – in jedem Fall müssen Sie sich konzentrieren und fokussieren und ihre geistigen „Energien“ ganz in den Dienst der Rechenarbeit stellen[3].

Und dabei müssen Sie Schritt für Schritt vorgehen. Man kann so eine Multiplikation ohne Hilfsmittel u.a. dadurch lösen, dass man 4 Teilprodukte bildet – nämlich 30 x 80, 7 x 80, 30 x 2 und 7 x 2 – die man allesamt leicht ausrechnen kann und die man dann addiert. Aber jedes Zwischenergebnis im Kopf zu behalten, während man gleichzeitig am nächsten Teilprodukt rechnet, die 4 Rechenschritte dabei auseinander zu halten und sich zu merken, welchen der Schritte man schon absolviert hat und schließlich alle 4 korrekten Teilergebnisse zum Addieren parat zu haben, ist ziemlich schwer. Die ProbandIn dieses kleinen Experiments in Kopfrechnen wird dabei schmerzlich die sehr enge Begrenzung unseres Arbeitsgedächtnisses spüren, das jeweils nur eine sehr kleine Anzahl Informationseinheiten gleichzeitig handhaben kann[4].

Diese Begrenzung gilt aber eben nur für System 2. Hier scheint das Denken, ganz anders als beim Schnellen Denken, gewissermaßen durch einen engen Flaschenhals zu müssen; die einzelnen Denkschritte müssen einer nach dem anderen und nach festen Regeln durchgeführt werden. Assoziationen, die das nebenher weiterlaufende System 1 während dieser Prozedur herstellt, stören nur.[5]

System 2 arbeitet

  • – nur durch willentliche Aktivierung (es wird ab und zu zum ständig laufenden System 1 „zugeschaltet“)
  • – weitgehend bewusst
  • – gemäß fester Regeln (es gibt, anders als beim assoziativen System-1-Denken, ein richtiges und viele falsche Ergebnisse) – System-2-Prozesse haben also etwas Normatives

System-2-Denken ist

  • – anstrengend (obwohl in Aufgabe 1 viel mehr Informationen zu bearbeiten waren, fällt Aufgabe 2 viel schwerer; ein Taschenrechner hat allerdings überhaupt keine Probleme damit)
  • – sehr störanfällig (nur wenige Informationseinheiten können während System-2-Prozeduren gleichzeitig prozessiert werden)
  • – sehr langsam (Informationen werden nicht parallel, sondern sequentiell bearbeitet)
  • – nur zeitweise aktiv

 Das korrekte Ergebnis der Rechenaufgabe lautet übrigens 3034.

 

System 1 und 2 in Kooperation

Aufgabenstellungen wie die im vorangegangen Abschnitt, in denen sozusagen „reines“ Typ-2-Denken benötigt wird und Typ-1-Denken generell störend wirkt, kommen im Alltag der meisten Menschen wohl nicht allzu häufig vor. System 1 und 2 arbeiten in aller Regel recht harmonisch zusammen. System 1 leitet uns mit seinen Routinen gut durch die Standardanforderungen des Alltags, wobei bei neuen und unbekannten Aufgaben immer wieder einmal System 2 dazugeschaltet wird. (Das Titelbild des Beitrags deutet solch eine Interaktion zwischen den beiden Denkmodi an, soll hier aber nur der Dekoration dienen und nicht weiter erörtert werden.) System 1 produziert dabei mit seiner ständigen assoziativen Aktivität auch laufend neue Ideen, aus denen dann oft System 2 die für eine Aufgabenstellung am besten geeigneten auswählt. System 1 ist also gewissermaßen für Kreativität zuständig, während System 2 die kritische Sichtung des schöpferischen Outputs des Schnellen Denkens übernimmt. Allerdings ist System 2 ein „fauler Kontrolleur“ (Kahneman, 2014), weswegen nicht selten auch fragwürdige und nicht stimmige Antworten von System 1 als Problemlösungen durchgehen. Diese kognitiven Fehler (engl. biases) sind Gegenstand der sogenannten Heuristics-and-biases-Forschungstradition in der Kognitionspsychologie (Übersicht u.a. in Gilovich, Griffin & Kahneman, 2002).

Im Vorgang der Auswahl der besten Ideen durch System 2 zeigt sich natürlich auch schon ein gewisser Gegensatz, eine Konkurrenz zwischen Typ-1- und Typ-2-Denken, denn Auswahl bedeutet ja nicht zuletzt, dass System 2 viele assoziative Intuitionen von System 1 zurückweisen und unterdrücken muss. Meist geschieht dies ziemlich „geräuschlos“ im Hintergrund unseres Denkens, manchmal kommt es allerdings auch zu spürbarem Konflikt zwischen den Systemen.

System 1 und 2 im Konflikt

Auf die LeserIn wartet nun noch eine weitere kleine Aufgabe. Es handelt sich dabei um eine Mini-Version des in der Psychologie ziemlich berühmt gewordenen Stroop-Tests [6]. Er besteht aus einer Liste mit Worten, die Farben bezeichnen. Sie sollen dabei aber nicht die Worte vorlesen, sondern die Farbe angeben, in der das jeweilige Wort geschrieben ist. Seien Sie dabei so schnell wie möglich.

Wie Sie vermutlich gemerkt haben, ist es schwierig die Farben der Worte zu nennen, denn System 1 will automatisch die Worte, die es sieht, vorlesen, aber diese bezeichnen immer eine andere Farbe als die, in der das Wort geschrieben ist. Lesen ist eine Fähigkeit, für die Kinder in der 1. Klasse noch alle Konzentration von System 2 aufbringen müssen, die dann aber im Laufe des Lebens so ausgiebig geübt wird, dass es schließlich kaum noch möglich ist, die Anordnungen der verschieden geformten Zeichen auf dem Papier oder dem Bildschirm nicht als Buchstaben, Worte und Sätze wahrzunehmen, die die gelernte Bedeutung haben. Lesen ist bei (den meisten) Erwachsenen und älteren Kindern unseres Kulturkreises zu einer hochautomatisierten System-1-Handlung geworden, die blitzschnell, mühelos, unwillkürlich und wie von selbst abläuft. Sobald man einen Text betrachtet, legt System 1 unmittelbar und unaufgefordert los und prozessiert den verbalen Gehalt des Gesehenen und ist dabei fast nicht zu stoppen. Und genau das ist die Schwierigkeit beim Stroop-Test. Man muss sich zwingen, die automatischen Antworten von System 1 auszublenden und stattdessen im Sinne einer ungewohnten Regel mit System 2 zu reagieren.

Dieser beim Stroop-Test auftretende Konflikt zwischen System 1 und 2 ist eine sehr schlichte Demonstration eines grundlegenden Problems, dass uns im wirklichen Leben sehr oft zu schaffen macht. Wir haben häufig den Impuls „System-1-Verhalten“ zu zeigen, aber unser Verstand oder soziale Normen legen uns nahe, diese Impulse zu blockieren und uns (vermeintlich oder tatsächlich) „vernünftig“ zu verhalten. Wir lesen ein langweiliges Buch und merken immer wieder, wie unsere Gedanken abdriften (das assoziative System 1 lockt uns), so dass wir nicht mehr wissen, was im letzten Absatz stand; wir wollen aber andererseits bei der anstehenden Prüfung nicht durchfallen. Ein Bekannter, den wir nicht mögen, bittet uns um unsere Hilfe; eigentlich würden wir ihm gerne sagen, dass er sich zum Teufel scheren soll, aber wir bleiben höflich und sagen ihm zu. Oder man denke an all die ArbeiterInnen, die morgens pünktlich zur Arbeit erscheinen, obwohl sie so gerne noch weiter geschlafen hätten! Man sieht: Eine der Aufgaben von System 2 besteht darin, die Impulse von System 1 zu überwinden. Anders gesagt: System 2 ist für die Selbstbeherrschung zuständig.

 

Dual-Process-Theorien als Basis für weitergehende Überlegungen

Die aufmerksame und gebildete LeserIn hat vermutlich schon gemerkt, dass mit den Dual-Process-Theorien, die ein „primitiveres“, assoziatives Typ-1-Denken von einem analytisch-logischen Typ-2-Denken unterscheiden, ein seit uralten Zeiten diskutierter Konflikt wissenschaftlich neu thematisiert wird: Affekt vs. Rationalität, Barbarei vs. Zivilisation, Es vs. Über-Ich, Natur vs. Kultur – die Dualität von System 1 und System 2 ist uns in anderem Gewand wohl vertraut. Im Weiteren kann man auch an Dichotomien wie unbewusst—bewusst, Körper—Geist, Glaube—Wissen denken. Auch wenn der Verdacht nahe liegt, glaube ich nicht, dass hier nur alter Wein in neue Schläuche gefüllt wird.

Die moderne Betrachtungsweise ist wertfreier als die alten Sichtweisen, dazu theoretisch gut fundiert und durch zahllose empirische Untersuchungen untermauert. Nicht zuletzt lassen sich aber mit Hilfe der Dual-Process-Theorien aufschlussreiche Verbindungen zwischen grundlegenden psychologischen Mechanismen und umfassenderen gesellschaftlichen, politischen und soziologisch-philosophischen Fragestellungen herstellen. Ich denke z.B. an…

– das Phänomen der europäischen Aufklärung, das aus der Perspektive der Dual-Process-Theorien quasi als Rebellion des kritisch-rationalen System-2-Denkens gegen das traditionell dominante System-1-Denken interpretiert werden kann

– den weitgehend parallel dazu verlaufenden Prozess der „Zivilisierung“ (Elias, 1939), der seit etwa dem 16. Jahrhundert in Europa und dann auch in anderen Teilen der Welt einsetzte und zu einer immer stärkeren Selbstdisziplinierung der Menschen führte, welche den modernen Kapitalismus und eventuell auch die heutigen Demokratien und das, was mit ihnen verbunden ist, überhaupt erst möglich machte; aus Dual-Process-Sicht kann auch hier eine fortschreitende und stärker werdende System-2-Selbstbeherrschung und Unterdrückung von System-1-Impulsen konstatiert werden

– die in den letzten Jahren zunehmenden irrationalen Tendenzen in weiten Teilen der Welt (Islamismus, neue Rechte), welche dann gewissermaßen als „Konterrevolution“ gegen ein mittlerweile von vielen als zu anstrengend und zu kritisch empfundenes kollektives System 2 gedeutet werden könnten; siehe dazu den schon erwähnten letzten Artikel über Dual-Process-Theorien und die neue Rechten.

Ich meine, hier tun sich spannende Möglichkeiten auf, menschliches Denken und Verhalten auch in größeren Zusammenhängen aus einer unerforschten und spannenden Perspektive heraus noch einmal neu zu verstehen.

 

Warum Langsames-Denken.net ?

Trotz aller Erfolge der Aufklärung (wenn man den Begriff in einem weiten Sinn versteht) ist die Tendenz des Menschen, nicht selten dort Typ-1-Denken zu verwenden, wo eine Zuschaltung von System 2 dringend angezeigt wäre, weiterhin stark [7]. Man muss nur die Nachrichten einschalten, um die häufig fatalen Folgen dieser Neigung vor Augen geführt zu bekommen. Angesichts von Klimawandel, Glaubenskriegen, Rechtspopulismus oder der fortschreitenden Zerstörung der Biosphäre unseres Planeten erscheint es weiter dringend angezeigt, für ein langsames, gründliches und kritisches Denken zu werben.

Desweiteren gefiel mir auch der sprachliche Bezug zum sogenannten Slow Movement (Slow Food usw.), das sich die Entschleunigung des menschlichen Lebens auf die Fahnen geschrieben hat [8]. Und so fand ich schließlich, dass Langsames-Denken.net eine gute Idee für die URL meines Blogs sei.

Ich plane, demnächst eine lockere Serie von Beiträgen zu den vielfältigen kognitiven Verzerrungen, die im Laufe der letzten Jahrzehnte von den ForscherInnen der Heuristics-and-Biases-Schule herausgearbeitet wurden, zu starten. Es soll losgehen mit den basalsten kognitiven Fehlern, nämlich den Wahrnehmungsverzerrungen, genauer gesagt mit Optischen Täuschungen.

PS.: Wer sich näher mit den Grundlagen der Dual-Process-Theorien befassen möchte, dem sei wärmstens Kahnemans „Schnelles Denken, langsames Denken“ (Kahneman, 2014) empfohlen; wer noch tiefer und auf wissenschaftlichem Niveau in die Materie einsteigen will, dem kann wohl guten Gewissens der ziemlich aktuelle Sammelband „Dual-process theories of the social mind“, der 2014 von Sherman, Gawronski und Trope herausgegeben wurde, empfohlen werden (Sherman, Gawronski und Trope, 2014).

 

Anmerkungen:

[1] Ich habe mich hier an meinen eigenen Eindrücken der ersten 3 bis 5 Sekunden orientiert; vielleicht springen die LeserIn ja noch andere Gedanken an.

[2] Im Bestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“ stellt der israelisch-US-amerikanische Psychologe und Nobelpreisträger Kahneman einem breiteren Publikum die vielfältigen Forschungsergebnisse der von ihm und Amos Tversky in den 1970er Jahren begründeten Heuristics-and-biases-Forschungstradition in der Kognitionspsychologie vor.

[3] … es sei denn, Sie gehören zu den wenigen Rechengenies, denen solche Aufgaben besonders leicht fallen …

[4] Bekannt geworden ist die sogenannte Millersche Zahl, auch Magical Seven genannt, von 7 ± 2 Informationseinheiten, die das Arbeits- oder Kurzzeitgedächtnis gleichzeitig speichern könne. Diese Schätzung aus den 1950er Jahren ist aber überholt; heute weiß man, dass es bei der Anzahl der handhabbaren informationellen „Chunks“ sehr auf den Inhalt und andere Eigenschaften der jeweiligen kognitiven Aufgabe ankommt. Bei vielen Aufgaben ist der Wert kleiner als 7.

[5] Je besser das System-2-Denken von sonstigen Assoziationen entkoppelt ist, desto stimmiger und rationaler funktioniert es (Stanovich, West & Toplak, 2016).

[6] Benannt nach dem US-amerikanischen Psychologen John Ridley Stroop (1897 – 1973), der den Test 1935 veröffentlichte. Der Stroop-Test wird in der Regel zur Messung der Konzentrationsfähigkeit eingesetzt.

[7] Was natürlich nicht heißt – das sollte aus dem Text klar geworden sein – dass das System-1-Denken per se schlecht oder minderwertig wäre.

[8] Tatsächlich gibt es wohl sogar eine „Slow Science“-Bewegung, die mir bisher unbekannt gewesen war. Siehe dazu die englischsprachige wikipedia.

Tabelle:  Eigenschaften von System-1- und System-2-Denken

Schnelles Denken Langsames Denken
System 1 System 2
   
GRUNDLEGENDE  EIGENSCHAFTEN

assoziativ

regelbasiert, logisch
automatisch willentlich
implizit explizit
unbewusst bewusst
mühelos energieaufwendig
intuitiv überlegend, bedachtsam
kreativ, produktiv einschränkend, hemmend
vage präzise
eher emotional kognitiv
eher bildbasiert eher zeichenbasiert
konkret abstrakt
kontextbezogen allgemeingültig
subjektiv objektiv
evolutionär alt evolutionär jung
erfahrungsbasiert regelbasiert
heuristisch analytisch
narrativ logisch
impulsiv reflektiv
parallele Verarbeitung sequentielle Verarbeitung
immer aktiv wird sporadisch zugeschaltet
hohe Kapazität geringe Kapazität
unabhängig von Limitierung durch Arbeitsgedächtnis abhängig von Limitierung durch Arbeitsgedächtnis
wenig störungsanfällig sehr störungsanfällig
holistisch / verwoben entkoppelt Emotion und Kognition
   
ERWEITERTE  EIGENSCHAFTEN
angenehm anstrengend
eher bejahend eher verneinend
leichtgläubig kritisch, skeptisch
Heuristiken strikte Regeln
Persönliche Erfahrung Intersubjektivität
Egozentrik Perspektivübernahme
Glaube Wissen
Zügellosigkeit Selbstkontrolle
Orientierung an gut vs. schlecht affektive Neutralität

Literatur

Elias, Norbert (1939 / 1976). Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bde. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Gilovich, T., Griffin, D. & Kahneman, D. (2002). Heuristics and biases – The psychology of intuitive judgment. New York: Cambridge University Press.

Kahneman, Daniel (2014). Schnelles Denken, langsames Denken. München: Pantheon. (Amer. Originaltitel: Thinking, Fast and Slow. New York: Farrar Straus & Giroux, 2011.)

Sherman, J. W., Gawronski, B. & Trope, Y. (Hrsg.) (2014). Dual-process theories of the social mind. New York: The Guilford Press.

Stanovich, K. E., West, R. F. & Toplak, M. (2014). Rationality, intelligence, and the defining features of Type 1 and Type 2 Processing. In: Sherman, J. W., Gawronski, B. & Trope, Y. (Hrsg.), Dual-process theories of the social mind. New York: The Guilford Press.

Stanovich, Keith E.; West, Richard F. & Toplak, Maggie (2016). The Rationality Quotient: Toward a Test of Rational Thinking. Cambridge, MA: MIT Press.

© Matthias Wehrstedt 2017

2 Gedanken zu “Schnelles und langsames Denken

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