Life is a losing game – Zum 35ten Geburtstag von Amy Winehouse

Over futile odds
And laughed at by the gods
And now the final frame
Love is a losing game

Amy Winehouse, Love is a Losing Game, 2006

 

Heute, am 14. September, wäre die britische Soul-Sängerin Amy Winehouse 35 Jahre alt geworden – und also auch heute noch eine junge Frau gewesen. Sie wurde jedoch nur 27: am 23. Juli 2011 wurde Amy Winehouse tot in ihrer Londoner Wohnung aufgefunden; unmittelbare Todesursache war vermutlich eine Alkoholvergiftung.

Ich halte zwar eigentlich wenig von Ferndiagnosen, aber bei Amy Winehouse springt den klinischen Psychologen der Verdacht auf eine Borderline-Persönlichkeitsstörung geradezu an – so ging es mir wenigstens, auch als ich noch wenig über die Sängerin wusste. Beschäftigt man sich ein wenig näher mit ihrem Leben – z.B. ist die sehr bewegende Dokumentation Amy – The girl behind the name von Asif Kapadia zu empfehlen – verstärkt sich diese Vermutung noch.

Die Borderline-Störung gehört neben der Schizophrenie sicherlich zu den quälendsten psychischen Störungen überhaupt. BorderlinerInnen leiden an extrem schwankenden Emotionen, starker Angst davor verlassen zu werden, ständig wiederkehrenden Zuständen entsetzlicher Anspannung, die sie oft nur durch Selbstverletzungen einigermaßen mildern können und geraten häufig in intensive Konflikte mit ihrer Umwelt; die Suizidrate liegt über die Lebensspanne bei 7 bis 10%. Die meisten Betroffenen haben eine Leidensgeschichte mit sexueller oder körperlicher Gewalt oder Vernachlässigung in der Kindheit hinter sich, allerdings gibt es auch einen starken genetischen Anteil bei der Störungsentstehung. Zur sowieso schon vielfältigen Symptomatik kommen meist noch andere psychische Probleme hinzu: die PatientInnen leiden häufig zusätzlich noch an depressiven Phasen, Schlafstörungen, Angststörungen, Sucht und Essstörungen. Bei Amy Winehouse waren mindestens die beiden letzteren ebenfalls vorhanden.

Ohne fachkundige therapeutische Hilfe haben die meisten Borderliner kaum eine Chance auf ein besseres Leben. Amy Winehouse geriet wohl spätestens mit dem einsetzenden Ruhm nach ihrem ersten Album auf eine Bahn, die sehr schnell und direkt in den Abgrund führte. Dabei spielten Bulimie, exzessiver Drogenkonsum, eine verhängnisvolle Amour fou und das wahnwitzige Leben, das einem der Status des Weltstars aufzwingt, die entscheidenden Rolle Diese Kombination war fatal für die begnadete junge Sängerin und schickte sie in einen Strudel der Selbstzerstörung, in dem sie schließlich unterging.

Mit „Back to Black“ hat uns Amy einen Strauß schaurig-schöner Lieder hinterlassen, die einen Einblick geben in die dunkle Tragik ihres Innenlebens, die Intensität ihrer Emotionen und die große Einsamkeit, die sie nicht überwinden konnte. Ich liebe besonders das todtraurige Love is a Losing Game, das von der Vergeblichkeit der Liebe handelt. Nach dem Tod von Amy Winehouse war mir beim Anhören immer so, als könnte sie am Ende statt love auch life singen (siehe vorangestelltes Zitat) und damit ihr eigenes Schicksal ebenso kummervoll wie hellsichtig vorausahnen. Und bei diesem Gedanken kamen und kommen mir – obwohl sonst nicht unbedingt zu Sentimentalität neigend – während der Schlussakkorde des Songs regelmäßig die Tränen.

 

© Matthias Wehrstedt 2018

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