Klimapäckchen

Ein paar wenige Worte zum sogenannten Klimapaket der Bundesregierung. Abgesehen davon, dass es eine Unverschämtheit all denen gegenüber ist, die in den letzten Monaten für wirksame Maßnahmen zur Verminderung des Treibhausgasausstoßes auf die Straßen gegangen sind, hat man es dabei natürlich auch einmal mehr mit der merkeltypischen Totalverweigerung jedweden entschlossenen Handelns zu tun. Mit ein paar schwächlichen Korrekturen, die kaum auch nur die Bezeichnung „kosmetisch“ verdienen, soll dem Jahrhundertproblem Klimawandel begegnet werden. Niemandem darf auch nur ein kleines bisschen wehgetan werden, das ist die oberste Maxime der schwarz-roten Regierung, lieber untergehen als jemanden vergrätzen.Dabei gäbe es sogar effektive Maßnahmen, bei denen Widerstand kaum zu erwarten wäre. Ich hätte zwei Ideen, von denen jede m.E. sehr wirkungsvoll sein müsste:

Erstens wäre da das weitgehend brachliegende Potential des Energiesparens. Experten weisen schon seit Jahren ebenso gebetsmühlenartig wie erfolglos auf die einfachste Art, Treibhausgase zu vermeiden hin, die darin besteht, dass man schlicht – ohne Komfortverlust – die vielfältigen Arten der Energieverschwendung minimiert; es ist von einem Energiesparpotential beim Heizen, bei Strom und beim Autoverkehr von mindestens 20% die Rede. Dazu nur zwei Beobachtungen: 1. Bei nicht wenigen Leuten stehen im Bad auch im Winterhalbjahr durchgängig die Fenster auf Kipp, meist bollert unter dem Fenster noch der Heizkörper auf vollen Touren; es wird einfach zum Fenster hinaus geheizt. 2. Seit ich mir vor 3 Jahren einen Computer mit einem Energiesparprozessor* gekauft habe, ist mein Stromverbrauch ganz deutlich gesunken. Leider weiß offenbar kaum jemand etwas davon, dass Prozessoren (und natürlich auch andere Bauteile des Rechners) sehr unterschiedliche Energieverbräuche haben können, und wenn doch, dann schert sich offensichtlich niemand darum (Strom ist also offenbar zu billig). Ich kenne auch keine Anbieter von Computern und Computerkomponenten, die jemals irgendwo auf diese simple Möglichkeit, Energie und Geld zu sparen, hinweisen würden, und das bei Geräten, die bei den meisten Menschen viele Stunden am Tag laufen. Es interessiert einfach zu wenige Menschen, es existiert keine ausreichende Nachfrage nach Möglichkeiten Energie zu sparen. Diese Nachfrage zu erhöhen wäre für die Bundesregierung ein Leichtes: mit einer groß angelegten mehrjährigen Informations- und Werbekampagne, die auf sämtliche wichtigen Wege der Einsparung von Energie hinweist und die Bevölkerung motiviert, Teil eines großen Klimarettungsprogramms zu werden. Vielleicht könnten auch zusätzliche Anreize durch Prämien oder Preise für besonders erfolgsreiche Verbrauchsminderer geschaffen werden. Der Fantasie wären hier kaum Grenzen gesetzt. Aber in dieser Hinsicht passiert von Seiten der Regierung überhaupt nichts. Die allersimpelste Art, die CO2-Bilanz zu verbessern, wird schlicht komplett ignoriert.

Zweitens frage ich mich, warum es nicht eine erweiterte Neuauflage des sogenannten 100.000-Dächer-Programms der rot-grünen Regierung unter Schröder von 1999 bis 2003 gibt. Ein 1-Million-Dächer-Programm, dass darauf abzielte, durch großzügige Förderung die Mehrzahl der deutschen Hausdächer in Sonnenenergiesammler zu verwandeln, wäre doch problemlos zu machen, schließlich ist die Merkel-Regierung ja bereit, viel Geld in die Hand zu nehmen. Und wenn man den Schwerpunkt des Förderprogramms nicht auf die Photovoltaik, sondern auf die Solarthermie legte, würde auch das Problem der asymetrischen Stromerzeugung zwischen Tag und Nacht weitgehend vermieden. Zwar gibt es wohl derzeit auch Förderungen von Sonnenenergieanlagen auf Dächern, aber sie scheinen unzureichend zu sein oder zu schlecht kommuniziert (siehe Erstens), denn ein Gang durch die Städte und Dörfer zeigt einem, dass nach wie vor die größte Zahl der deutschen Hausdächer brachliegt, selbst dann, wenn sie eine optimale Südausrichtung besitzen.

Beide vorgeschlagenen Maßnahmen würden die Grundprämisse dieser Regierung voll und ganz erfüllen: sie würden absolut niemandem wehtun; Handwerk und Solarindustrie würden sich sogar die Hände reiben, bei den Wählern kämen sie sicher auch gut an. Es sind ja auch nur 2 Beispiele, die mir relativ spontan einfielen. Dass sogar solche gänzlich harmlosen Ansätze offenbar nicht einmal angedacht werden, dass stattdessen die Pendlerpauschale erhöht wird und Strom billiger werden soll, diese Erbärmlichkeit und komplette Vermeidung jeder Form eines Regierens, das den Namen verdient, das lässt einen bei aller Abgebrühtheit in Sachen schlechter und falscher Politik doch mit einen besonderen Gefühl der Aussichtslosigkeit und Resignation zurück. Man fühlt sich darüber hilflos, elend, erschöpft. Diese Art der Anti-Politik macht einen – im ganz buchstäblichen Sinne des Wortes – krank. **

* Bei den Intel Core-i-Prozessoren sind diejenigen Modelle energiesparend, die ein T am Namensende tragen, also z.B. i7 7700T. Bei nur minimal geringerer Rechenleistung. Modelle mit einem K sind besonders hochgetaktet und verbrauchen daher sehr viel Strom. Ein T-Prozessor verbraucht i. d. R. bei gleichem Preis nur gut ein Drittel der Energie eines K-Prozessors (35 statt 95 W). Der andere große Hersteller von PC-Prozessoren, AMD, hat meines Wissens keine solchen Energiespar-CPUs im Angebot.

** Während des Schreibens fielen mir doch noch Leute ein, denen meine „harmlosen“ Maßnahmen garnicht gefallen würden: den großen Energiekonzernen, RWE, e.on, Innogy, Uniper und Co., denen weder eine verminderte Nachfrage nach Energie noch eine Dezentralisierung der Energieerzeugung schmecken dürfte. Nicht nur ihre zittrige Mutlosigkeit hat also die Bundesregierung dazu gebracht, ein Paket ohne Inhalt zu schnüren, sondern sicher auch und wie immer die alten, weißen, reichen Männer, die wollen, dass alles so bleibt wie es ist und die Tag und Nacht bis zum Burnout daran arbeiten, dass der Kapitalismus in gewohnter Weise dem Weltuntergang entgegenrauscht.

© Matthias Wehrstedt 2019

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