Gewalt

Le paradis terrestre est où je suis.
Voltaire

Ich habe in diesem Blog schon öfter Kritik am heute vorherrschenden naturwissenschaftlichen Positivismus als vereinseitigter und verabsolutierter Ideologie der modernen Welt geübt. Heute möchte ich aber einmal ausdrücklich einen bekennenden Positivisten reiner Schule loben, genauer gesagt eines seiner Bücher, nämlich Steven Pinker und sein umfangreiches Werk „Gewalt – Eine neue Geschichte der Menschheit“ von 2011, dass ich in Frühjahr des Jahres gelesen habe. Es war eines jener Bücher, bei denen man schon während des Durcharbeitens den Eindruck hat, dass sein Inhalt den eigenen Blick auf die Welt grundlegend verändert.

Nicht wenige Menschen, auch kritische und gebildete, neigen ja heute – wie vermutlich zu allen Zeiten – dazu, für die Zukunft nichts Gutes zu erwarten und zu meinen, dass gegenwärtig vieles – wenn nicht alles – immer schlechter und schlimmer werde. Vergangene Zeiten werden dagegen gern in goldenem Licht gesehen. Beklagt werden der angebliche fortschreitende Verlust von Werten, der immer schneller galoppierende Kapitalismus, der schwindende Respekt im persönlichen Miteinander, der Verfall der Bildung und immer wieder auch die (vermeintlich) ansteigende Gewalt und Kriminalität. Neben der Annahme, dass Verbrechen häufiger werden, ist auch der Glaube daran, dass in der Moderne Kriege und Bürgerkriege sowohl häufiger als auch blutiger werden, weit verbreitet; letzteres wird v.a. mit den immer effektiveren Waffen begründet[1]. Wie grundfalsch und vollkommen wahrheitswidrig mindestens die letzten beiden Meinungen sind, das ist das große Thema von Pinkers 1200-Seiten-Wälzer.

Anhand von riesigen Mengen an Zahlenmaterial und Grafiken belegt Pinker seine Grundthese: dass nämlich im Laufe der Geschichte, von der Steinzeit bis zur heutigen Realität hochentwickelter Staaten das Ausmaß der (physischen) Gewalt nicht etwa zu-, sondern dramatisch abgenommen habe. Dies gelte sowohl für kriegerische Auseinandersetzungen als auch für kriminelle Gewalttaten. Seine Daten zeigen z.B., dass in ursprünglichen Jäger-Sammler- oder Jäger-Gärtner-Gesellschaften im Schnitt etwa 20% aller Todesfälle auf Kriege zwischen verfeindeten Stämmen zurückzuführen sind (natürlich mit großer Streuung, aber selbst die friedfertigsten untersuchten Gesellschaften weisen Raten von um die 5% auf, in den gewalttätigsten sterben mehr als die Hälfte aller Menschen durch bewaffnete Auseinandersetzungen). Diese Rate von Kriegstoten sinkt im Laufe der Geschichte mit Staatenbildung und immer strikterer Durchsetzung von Gesetzen fortlaufend, bis in der heutigen Zeit in den allermeisten Länder – wenn überhaupt – nur noch Bruchteile eines Prozents der Verstorbenen auf das Konto bewaffneter zwischenstaatlicher Konflikte gehen. Selbst wenn man die erste Hälfte des 20. Jahrhundert mit seinen zwei Weltkriegen und vielerlei gewaltigen Massenmorden – u.a. Holocaust und Vernichtungskrieg der Nazis, Stalins und Maos Gewalttaten mit ebenfalls Zigmillionen Opfern – in ihrer Gesamtheit betrachtet, kommt man „nur“ auf einen Anteil von ca. 3% (aller auf der Welt Gestorbenen in der ersten Jahrhunderthäfte, S. 93ff.).

Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg nennt Pinker den neuen „langen Frieden“, weil in diesen Jahrzehnten ein so geringer Anteil der Weltbevölkerung (nicht nur der Bevölkerung der „westlichen“ Staaten) durch Kriege ums Leben kam, wie wohl noch niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Dies scheint vielen sicher schwer zu glauben, aber Pinker untermauert diese These mit vielen überzeugenden Zahlen, und ich verweise hier nur auf den Originaltext.

Auch die Anzahl der Opfer von kriminellen Gewalttaten ist im Laufe der Jahrhunderte in immensem Maße zurückgegangen. So sank die Mordquote in den westeuropäischen Staaten von etwa 50 je 100.000 Einwohner um das Jahr 1300 auf heute um die 1 je 100.000 Einwohner – ein Rückgang um 98%.[2] Nach wie vor gibt es aber auch Gegenden der Welt, in der die Tötungsraten sich auf ähnlich hohem Niveau wie im europäischen Mittelalter befinden, beispielsweise in großen Teilen Lateinamerikas (siehe dazu > https://de.wikipedia.org/wiki/Tötungsrate_nach_Ländern).

Ich glaube, wir Menschen in einem reichen, hochentwickelten Land am Anfang des 21. Jahrhunderts, in dem es seit langer Zeit keinen Krieg mehr gab, und in dem auch andere den Menschen bedrohenden Ereignisse Ausnahmeerscheinungen sind, haben ernsthafte Schwierigkeiten, uns das Ausmaß an Gefahr schon in einem Slum in Honduras vorzustellen und scheitern endgültig beim fränkischen Bauern des 4. oder 5. Jahrhunderts, über den ein Sturm entfesselter Gewalt durch entmenschte Männerhorden nach dem anderen hereinbrach[3] und den auch kein funktionierender Staat vor alltäglichem Unrecht schützte.

Im christlichen Mittelalter – um ein weiteres Zeitalter zu nennen – war die Situation der Menschen kaum besser. Weiterhin waren sie den Gewalten von Krieg und sozialer Willkür, zudem den Naturkräften, Krankheiten und drakonischen Strafen meist schutzlos ausgeliefert. Man muss sich einmal wirklich vor Augen führen, was das bedeutet, als mittelalterliche Bäuerin durch Hagelschlag jederzeit die gesamte Ernte verlieren zu können, und damit mitsamt der Familie leibhaftig vom Hungertod bedroht zu sein, oder gegen die nächstbesten Raubritter, die über dein Dorf herfallen, um dich um sämtliche kleinen Ersparnisse und Wertgegenstände zu bringen, keinerlei Handhabe zu haben, dazu die omnipräsente Gewalt der Männer gegen Frauen, und dann kriegst du am Sonntag vom Pfarrer auch noch eingebläut, dass deine unsterbliche Seele pausenlos von den Martern einer ewigen Hölle bedroht ist.

Die Situation der Menschen war auch in sogenannten „primitiven“ Gesellschaften, Jäger und Sammlern und ähnlichen Kulturen, entgegen dem, was oft von den angeblich wunderbar friedlich und „im Einklang mit der Natur“ lebenden „guten Wilden“ geglaubt wird, keineswegs besser. Wie schon erwähnt, herrscht bei solchen Stämmen meist ein extrem hohes Niveau an Gewalt. Anschaulich vorgeführt bekommt man das z.B. in Sabine Kueglers Schilderungen der papua-neuguinesischen Fayu, bei denen sie mit ihren Eltern über ein Jahrzehnt als Kind lebte, und die damals in den 1970er und 80er Jahren noch keinerlei Kontakt zur modernen Zivilisation hatten. Ihr Buch Dschungelkind wurde zum Bestseller und 2005 verfilmt. Ob es stimmt, dass niemand von den Fayu, nicht einmal die Kinder, jemals lachte, wie im Film behauptet wird, weiß ich nicht. Verstehen aber würde ich es, denn der Stamm befand sich in einer aussichtslosen, endlosen Spirale kriegerischer Blutrache und das Leben der Menschen wurde zudem von einem System fatalistischen Aberglaubens verdunkelt.  „Das gesamte Volk bestand früher aus mehreren Tausend Menschen, war um das Jahr 1990 aber durch fortgesetzte interne kriegerische Auseinandersetzungen auf etwa 400 Angehörige geschrumpft“, weiß die deutschsprachige Wikipedia über die Fayu zu berichten. Viel mehr muss man eigentlich nicht wissen, um einzusehen, in welch grauenhaften Zuständen sich der Stamm in den Jahren zuvor befunden haben musste.

Die vorangegangenen Betrachtungen belegen, dass der größte Teil der Menschheitsgeschichte von einer Rohheit und Brutalität geprägt war, die uns im heutigen hochzivilisierten Mitteleuropa kaum mehr vorstellbar ist. Und das ist genau das, was Steven Pinker mit seinem vielfältigen Datenmaterial auch aufzeigt. Die Frage ist nun natürlich, wie es dann eigentlich dazu kam, dass sich zumindest in Europa und der „westlichen Welt“ die Verhältnisse zum Besseren entwickelten[4].

Pinker erklärt das unter Zuhilfenahme der Staatstheorie von Thomas Hobbes und Norbert Elias’ Überlegungen zum Prozess der Zivilisation. In der europäischen Neuzeit kam es zu einer immer stärkeren Machtkonzentration in geografisch immer größeren Gebilden, die schließlich zu dem wurden, was wir heute „Staaten“ nennen. Ein zentrales Kennzeichen eines modernen Staates ist sein Gewaltmonopol [5], was nichts anderes heißt, dass die Bürger, die den Staat bilden, selbst auf physische Gewalt verzichten und das Recht, sie auszuüben, auschließlich dem durch sie gebildeten und legitimierten Staat und seinen Institutionen übertragen. Parallel dazu und mit dieser politischen Entwicklung eng verwoben kommt es zu Veränderungen der Psyche der Menschen (Elias); die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung steigt, die Menschen werden „kultivierter“, die „Schamschwellen“ rücken vor (wie Elias das nennt), die Menschen werden immer besser darin, planvoll zu agieren und die zukünftigen Wirkungen ihrer Handlungen vorherzusehen und ihre Fähigkeit, sich in die Lage anderer hineinzuversetzen, verbessert sich. Möglich macht das nicht zuletzt ein immer höherer Bildungsgrad der Bevölkerung (Pinker erwähnt besonders das Lesen von Romanen, da man dabei übt, sich die Perspektive einer anderen Person anzueignen, was im Laufe der Zeit evtl. zu einer besseren Empathiefähigkeit führte).

Alles in allem ist „Gewalt – Eine neue Geschichte der Menschheit“ ein großer und überzeugender Entwurf, der einem die Augen öffnet. Besonders als „links“ orientierter, halbwegs gebildeter Mensch neigt man ja in der Regel stark dazu, den Kapitalismus, der untrennbar mit den genannten neuzeitlichen Entwicklungen verbunden ist, zu verdammen. Und es gibt natürlich in der Tat vieles am Kapitalismus zu kritisieren. Aber mit ihm und dem immer allgemeineren materiellen Wohlstand, den er brachte, kamen auch die Dinge, die wir am Prozess der Aufklärung und Emanzipation so schätzen: Bildung, Kultur, Selbstbeherrschung und in ihrem Gefolge Menschenrechte und liberale Demokratie, wenn auch bei letzteren natürlich noch längst nicht alles Gold ist, was mit diesen emphatischen Namen glänzt. Aber trotzdem: Pinker zeigt uns, dass wir zurückblickend auf das, was die Menschheit in Sachen Entwicklung der Humanität in den letzten Jahrhunderten schon geschafft haben, auch einmal einfach staunen und froh sein können. Auf dem Weg von der gnadenlosen Schreckensherrschaft des Menschen über den Menschen zu einem möglichen zukünftigen irdischen Paradies ist – zumindest in Staaten wie Deutschland – möglicherweise die Hälfte der Strecke heute schon zurückgelegt.

Pinker_Grafik_Rechte und ihre Erwaehnung in Buechern_1945-2000

(Ein Beispiel für die vielen grafischen Veranschaulichungen in Pinker, 2011, S. 565)

In der großen geschichtlichen Perspektive, die Pinker uns eröffnet, fällt es vielleicht auch etwas leichter, den neuen neofaschistoiden Rollback der letzten Jahre einzuordnen. Möglicherweise ist er letztlich – wie die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts – nur eine „Abwärtsdelle“ in einem übergeordneten und fortgesetzten Trend zum Guten. Das darf natürlich nicht heißen, dass man die mit ihm verbundenen immensen Gefahren unterschätzt. Und neben der autoritären Restauration, die überall stärker wird, haben wir ja auch mit vielen anderen drastischen Bedrohungen zu tun: rasant fortschreitende Naturzerstörung, immer umfassende digitale Überwachung, eine entgeistigte Maschinisierung aller Lebensbereiche und nicht zuletzt das heute häufig verdrängte Risiko eines Atomkriegs. Jedes einzelne dieser Probleme berechtigt eigentlich dazu, pessimistisch zu sein; aber wir sollten auch nicht die Kraft der Aufklärung und der „Revolution der Rechte“ (Pinker) unterschätzen, die ja, trotz immer dunklerer Wolken, die aufziehen, in Teilen noch weiter geht: erst vor Kurzem haben Deutschland und einige andere Staaten z.B. die Ehe von Homosexuellen der herkömmlichen Ehe (fast) rechtlich gleichgestellt.

Zum Anschluss muss man natürlich auch noch Negatives über Steven Pinker sagen: Er und andere sogenannte „Neue Optimisten“ meinen im Prinzip, man müsse einfach nur den wissenschaftlich-technischen Fortschritt der letzten Jahrhunderte genau wie bisher fortführen, wenn nicht sogar beschleunigen, dann würde die Welt all ihre Probleme schon irgendwie lösen. Das ist natürlich Unsinn – die dunklen Seiten dieses Fortschritts werden dabei völlig ausgeblendet, die „Dialektik der Aufklärung“ (Adorno & Horkheimer) übersehen.

Dass aber die bisherigen Fortschritte bei der Humanisierung der Menschheit häufig übersehen werden und wir BewohnerInnen einer hochtechniserten, bequemen und extrem sicheren Welt unser privilegiertes Leben oft ganz verzerrt wahrnehmen, das haben Pinker und andere doch sehr überzeugend und eindrücklich nachgewiesen.


Fußnoten

[1] Als weiterführende psychologische bzw. soziologische Stichworte hier nur angeführt: Der Rosy-Retrospection-Bias und der sog. Declinism (für beides gibt es offenbar und seltsamerweise keine gebräuchlichen deutschen Übersetzungen).

[2] Man könnte einwenden, dass das ja nur Zahlen für getötete Opfer sind, und dass die viel höhere Zahl derer, die nach einer Gewalttat weiterleben, nicht erfasst wird. Allerdings zeigen die Kriminalstatistiken wohl, dass die Werte von Todesopfern und Nicht-Todesopfern sehr hoch korrelieren, sodass die eine Zahl ohne großen Aussageverlust für die andere stehen kann.

[3] Ich spiele auf die vielfältigen kriegerischen und kriegsähnlichen Auseinandersetzungen im spätrömischen Gallien an, wo pausenlos Franken gegen Römer, Alemannen, Thüringer, Westgoten, Burgunder und diese untereinander kämpften, außerdem zusätzlich innerhalb dieser Völker fast ununterbrochen Bürgerkriege herrschten und zudem viele räuberische Kleinarmeen Beutezüge unternahmen. Unter all dem muss die einfache gallische Bevölkerung dieser Zeit auf dem Lande wie in den oft belagerten Städten unvorstellbar gelitten haben.

[4] Wie die Entwicklung in den über Jahrhunderte weltweit am höchsten „zivilisierten“ Kulturen in Asien, z.B. China und Japan verlaufen ist, ist sicher eine interessante Frage, die aber auch Pinker nicht diskutiert. Der Eurozentrismus der westlichen Geisteswissenschaften ist nach wie vor sehr stark ausgeprägt.

[5] Hobbes nannte den Staat einen „Leviathan“, also ein unbesiegbares Monstrum (siehe unten bei Literatur).


Literatur

Elias, Norbert (1939). Über den Prozeß der Zivilisation. 2 Bde. Frankfurt a. M.: suhrkamp Taschenbuch.

Hobbes, Thomas (1651). Leviathan. Meiner Philosophische Bibliothek, 2005.

Pinker, Steven (2011). Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch, 2013.


 

© Matthias Wehrstedt 2019

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