Dialektik der Jahreszeiten – Der Frühling ist ab heute nicht mehr aufzuhalten!

Wie kann [die wahre Einheit] denn die Gegensätze
des Guten und des Bösen in sich tragen?
Aber in Wahrheit ist da kein Gegensatz,
denn das Böse ist der Thronsitz des Guten.

Baal Schem Tov
(ca. 1700 – 1760,
Begründer des jüdischen Chassidismus)

Die LeserInnen mögen mich angesichts der Überschrift für bekloppt halten, aber es stimmt wirklich: der nächste Frühling wirft seinen allerersten langen astronomischen Schatten voraus (zurück?) bis zum heutigen 12. Dezember! Wie das? – der Winter hat doch meteorologisch gerade erst angefangen!?

Es ist ganz einfach so, dass ab heute die Sonne nicht mehr – wie seit etwa einem halben Jahr – immer früher untergeht, sondern dass sich diese Tendenz jetzt umkehrt und die Sonne wieder später untergeht; zunächst nur um einige Sekunden pro Tag, dann nach und nach immer schneller. Heute geht die Sonne in Kassel um 16:13 Uhr unter, schon übermorgen, am 14.12., wird das um 16:14 Uhr geschehen, am 19.12. um 16:15 Uhr, am 21.12. um 16:16 Uhr usw. (Daten von der Seite timeanddate.de). Die Tage werden nach hinten heraus allmählich wieder länger: das untrügliche, früheste Zeichen dafür, dass gerade eine Wende in den astronomischen Abläufen begonnen hat, die unweigerlich weg vom Winter, hin zu mehr Sonneneinstrahlung und damit zu einem neuen Frühling und Sommer führen wird. (Für Hintergründe der ungleichmäßigen Verschiebungen von Sonnenauf- und –untergängen siehe eine detaillierte Erläuterung auf der Internetseite der Wiener Arbeitsgemeinschaft für Astronomie.)

Dass die Tageslänge – also die Zeitdauer zwischen Sonnenauf- und -untergang — noch einige Tage, nämlich bis zum 21.12., dem Tag der Wintersonnenwende, weiter abnehmen wird, liegt daran, dass der Sonnenaufgang noch eine ganze Weile, nämlich bis Anfang Januar, immer noch später stattfinden wird. Und bis 21.12. ist dieser Verlust an Tageslänge morgens noch größer als der ab heute zu verzeichnende Zugewinn an Tageslänge nachmittags; danach tritt auch hier die Wende ein und die Länge des Tages beginnt wieder – unmerklich zu Beginn, dann langsam immer schneller – zuzunehmen (noch einmal sei auf die genauen Zeiten für Kassel auf timeanddate.de verwiesen).

Es ist schon bemerkenswert: Jetzt, im tiefsten, dunklen Winter, da alles stillzustehen scheint und niemand an Frühjahr und Sommer denkt, liegt interessanterweise der Keim für ein neues Sommerhalbjahr mit wiederkehrender Wärme, Helligkeit und neuem Wachstum. Und wenn auch die Ursachen dieses dualistischen Prozesses – wenn man so will: dieser Dialektik – in der einfachen, mathematisch leicht zu beschreibenden Zyklizität von sich um sich und umeinander drehenden Himmelsköpern liegt, so wurde ich doch beim Nachdenken darüber an die vorangestellten Sätze des jüdischen Mystikers des 18. Jahrhunderts erinnert. In seinem Sinne könnte man sagen:

Das Dunkle ist der Thronsitz des Hellen
und die Kälte der Thronsitz der Wärme
und im Stillstand liegt die Wurzel neuer Bewegung.

Um hier aber nicht der faden vorweihnachtlichen Erbaulichkeit verdächtig zu werden: Natürlich gilt auch das Umgekehrte: Im Strahlen des Sommers ist schon etwas von der kommenden winterlichen Finsternis angelegt und die momentane Hoffnung enthält bereits den Samen künftiger Verzweiflung.

 

© Matthias Wehrstedt 2018

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