Der große Weihnachtsschwindel (3)

Die quirinische Steuerschätzung

Die allseits bekannte Weihnachtsgeschichte des Lukas beginnt mit den Sätzen:

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. (Lukas, 2, 1-5)

Es gab in der Tat einen Zensus zum Zwecke einer Abschätzung des zu erwartenden Steueraufkommens in der neu dem Römischen Reich einverleibten Provinz Syrien (einschließlich der jüdischen Stammlande), und zwar im Jahre 6 n. Chr. unter dem neuen römischen Verwalter von Syrien, Publius Sulpicius Quirinius. Der Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet ausführlich darüber.

Andererseits soll Jesus aber – das sagen sowohl Matthäus als auch Lukas – zur Zeit des Herodes (des Großen) geboren worden sein, der aber bereits 4 v. Chr. verstarb. Zu dessen Zeit gab es ziemlich sicher keine Steuerschätzung, denn die herodianische Verwaltung konnte auf verlässliche Zahlen ihrer über 30jährigen Verwaltungsarbeit während der Herrschaftszeit des Herodes bauen. Außerdem hätte zur Zeit von Herodes dem Großen auch ein Augustus dem treuen Klientelkönig nicht mit einem „Gebot, dass alle Welt geschätzt würde“ in seine inneren Angelegenheiten hineinregiert.

Grundsätzlich ist es natürlich kompletter Unfug, dass alle Leute zum Zwecke ihrer Erfassung in ihre Geburtsorte zurückzukehren hatten. Das hätte ein schönes Chaos im Römischen Reich gegeben! Auch wäre der Sinn und Zweck einer solchen Völkerwanderung nicht einzusehen.

Die Sachlage ist auch hier klar, nicht zuletzt wegen der zusätzlichen zahllosen Ungereimtheiten und Widersprüchlichkeiten der Geburtsgeschichten von Matthäus und Lukas, die schon besprochen wurden: Lukas hat sich dunkel an den Census von 6 n.Chr. erinnert oder Geschichten darüber gehört (es hatte damals einigen Ärger mit den jüdischen Fundamentalisten wegen der neuen römischen Oberhoheit gegeben) und dieser kam ihm sehr zupass bei seiner Konstruktion einer Geburts- und Herkunftsgeschichte des Wanderpredigers Jesus, der nun einmal der jüdische Messias, den die alten Texte ankündigen, zu sein hatte.

 

Jesu Geburtsort

Bei Lukas begeben sich die in Nazaret in Galiläa ansässigen Joseph und die hochschwangere Maria wegen der angeblichen „Schätzung“ (s.o.), in den vorgeblichen Herkunftsort Josephs, Bethlehem, südlich von Jerusalem. Hier wird dann der kleine Jesus geboren, in Ermangelung geeigneten Mobiliars wird er in eine Krippe gelegt. (Von einem Stall ist keine Rede, ebensowenig von Ochsen oder Eseln.)

Bei Matthäus ist Joseph anfänglich in Bethlehem zu Hause, dort wird auch Jesus geboren, die Familie flieht vor Herodes nach Ägypten, nach der Rückkehr siedelt sie auf Anraten eines Engels nach Nazaret über.

Haupteinwand gegen diese beiden Geschichten ist – neben der Tatsache, dass sowieso nicht beide wahr sein können – dass im weiteren Verlauf der Berichte über Jesus weder Lukas noch Matthäus jemals wieder den angeblichen Geburtsort Bethlehem erwähnen. Durchgängig wird nur von „Jesus von Nazareth“ gesprochen, bzw. dieser als Nazarener oder Nazoräer bezeichnet, die umständlich eingefädelte angebliche Herkunft aus Bethlehem spielt nicht mehr die geringste Rolle. Die beiden Geburtsgeschichten wirken, wenn man die Erzählungen der beiden Evangelien in ihrer Gesamtheit betrachtet, wie nachträglich und künstlich vorne „angeklebt“ – ihnen fehlt jede inhaltliche Beziehung zum Rest der beiden Texte.

Sinn der vorgeblichen Herkunft aus Bethlehem ist natürlich, dass die Prophezeiung Micha 5,1 aus dem Alten Testament richtig zu sein hat, wo es heißt:

Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.

Lukas und Matthäus stehen unter Rechtfertigungsdruck gegenüber den orthodoxen Juden, denen es natürlich lächerlich erscheint, dass der Handwerkersohn aus Nazaret, dessen Mission aufgrund des schändlichsten Hinrichtungstodes, der damals denkbar war, so kläglich gescheitert war, der lange verheißene Messias sein sollte.

Letztlich ist alles in allem recht wahrscheinlich, dass Jesus in Nazaret geboren wurde und auch dort aufwuchs; eventuell kommen auch andere – vermutlich galiläische – Geburtsorte in Frage. Nur an einem Ort ist er ganz sicher nicht zur Welt gekommen: in Bethlehem! Denn sonst bräuchte es ja nicht die sehr künstlich und erfunden wirkenden Geschichte des Lukas und Matthäus.

 

© Matthias Wehrstedt 2018

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