Der große Weihnachtsschwindel (4)

Der angebliche Kindermord von Bethlehem

Herodes der Große ließ laut der Matthäus-Version der Geburtsgeschichte Jesu aufgrund der Prophezeiung der östlichen Sterndeuter sicherheitshalber sämtliche männlichen Kinder bis zum Alter von zwei Jahren in Bethlehem und Umgebung töten (Matth. 2, 16). Das ist aus vielerlei Gründen mehr als unwahrscheinlich.

Zunächst sei auf die Ausführungen in Teil 2 zum Stern von Bethlehem und und den „Heiligen 3 Königen“ verwiesen; darüber hinaus hätte Herodes eine solche abwegige Prophezeiung wie die der „Weisen aus dem Morgenland“, also beliebiger ausländischer Sterndeuter, sicher nicht ernst genommen. Er hätte vermutlich dafür gesorgt, dass niemand von dem Gerede der Astrologen erfährt und sie dann unauffällig umbringen lassen.

Ganz sicher hätte er keine willkürlichen Mordaktionen an Kleinkindern in seinem Reich durchführen lassen. Herodes war immer sehr bedacht darauf, sich mit den strenggläubigen Juden einigermaßen gut zu stellen; man denke nur an den umfangreichen Ausbau des Jerusalemer Tempels, eine der vielen großen Bauprojekte dieses bedeutenden Königs. Versuche, den großen, verheißenen Retter der Juden, den Messias, schon im Säuglingsalter zu meucheln und dabei zahllose unschuldige jüdische Kleinkinder zu töten, hätten ganz bestimmt einen Volksaufstand ausgelöst. Niemals hätte ein Herodes etwas so Törichtes getan, falls er überhaupt etwas auf irgendwelche Behauptungen über die Geburt eines neuen „Königs“ der Juden gegeben hätte, was gleichermaßen abwegig erscheint.

Herodes ist im Nachhinein von der Geschichte sehr negativ beurteilt worden. Schon der antike Historiker Flavius Josephus, von dem man das Meiste über diesen eigentlich sehr erfolgreichen jüdischen Klientelkönig weiß, strickt an der Legende vom Schreckensherrscher Herodes. Für die religiösen Fundamentalisten war der vor allem römisch-hellenistisch ausgerichtete Herodes natürlich immer eine Reizfigur und die neue Sekte der Christanoi war ja zunächst nur eine weitere Spielart eines radikalen, auf ein endzeitliches Gottesreich ausgerichteten Judentums. Folglich kommt Herodes dem Autor des Matthäus-Evangeliums als Bösewicht gerade recht, konnte er doch auf die Abneigung seiner Zielgruppe gegen diesen Erzschurken und Römerfreund fest rechnen, der perfekt geeignet scheint für die Rolle dessen, der die Pläne Gottes zu durchkreuzen versucht.

Nein, Herodes der Große hat ganz bestimmt niemals einen Kindermord von Bethlehem in Auftrag gegeben. Davon hätte uns Flavius Josephus ganz sicher auch ausführlich berichtet und diese Schandtat wäre weithin bekannt geworden. Leider weiß ganz offensichtlich außer dem Evangelienautor niemand sonst zu seiner Zeit von einem solchen Vorgang.

 

Die Flucht nach Ägypten

Nach Warnung eines Engels vor den Plänen des Herodes fliehen Joseph und Maria mit dem kleinen Jesus nach Ägypten und bleiben dort, bis Herodes verstorben ist (Matth. 2, 13 – 15). Dies geschieht, wie der Matthäus-Autor freimütig zugibt, „auf das erfüllet werde“, was bei einem der sogenannten Kleinen Propheten des Alten Testaments, nämlich Hosea, steht: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“ (Hosea 11, 1). Dabei ist dieser Satz arg aus dem Zusammenhang gerissen, denn bei Hosea ist mit „Sohn“ metaphorisch das gesamte Volk Israel gemeint und es wird dabei auf den legendären Exodus der Juden aus Ägypten unter Mose angespielt.

Nach Herodes’ Tod – natürlich wieder initiiert durch einen Engel, denn ohne Engel passiert in Matthäus’ Weihnachtgeschichte kaum etwas – kehren die drei wieder nach Israel zurück, haben aber Angst vor Herodes Sohn Archelaos, der jetzt in Judäa herrscht und gehen daher nach Galiläa (auf Anraten eines weiteren Engels), wo ein anderer Sohn Herodes’, Herodes Antipas, nun das Sagen hat. Soweit, so unlogisch, aber immerhin kommt die junge Familie nun endlich in ihrem realen Wohnort Nazaret an.

Matthäus’ behauptet zum Abschluss noch kess, es erfülle sich damit das Prophetenwort „Er soll Nazoräer“ heißen. Leider findet sich im Alten Testament keine solche Prophezeiung und auch kein einziger anderer christlicher Autor weiß etwas von solch einer Voraussage (denn sonst wäre sie ja vielfältig verwendet worden, um Jesu Legitimität zu untermauern). Auf diese Weise findet die matthäische Räuberpistole ihren unwürdigen, aber eben passenden Abschluss.

Amen.

 

© Matthias Wehrstedt 2018

TITELBILD :    Paul Klee: Zweifelnder Engel  (1940)

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