„Experiencing is believing“ – Die neuen Rechten im Lichte von Dual-Process-Theorien

It’s so easy to love it’s so easy to hate
it takes guts to be gentle and kind
The Smiths / Morrissey: I know it’s over (1986)

Dass der momentan weltweit stattfindende Rechtsruck weniger mit politischem Diskurs im herkömmlichen Sinne als vielmehr mit dem (Wieder)Erwachen grundlegender und archaischer emotionaler Bedürfnisse in großen Teilen der modernen Gesellschaften zu tun hat, wurde schon von verschiedenen Seiten festgestellt. Eines der elementarsten dieser Bedürfnisse könnte man grob mit der Überschrift „Fühlen statt Denken“ versehen. Etwas präziser müsste es wohl heißen „Schlichtes, müheloses und direktes Fühlen statt anstrengendem, differenziertem Denken“. Die unmittelbare, direkte Empfindung, die sich ohne zergliederndes und sorgsames Abwägen aller Aspekte einer Fragestellung einstellt, soll die neue Leitlinie sein, sowohl bei der Erklärung der Welt als auch bei moralisch-ethischen Fragen. Die Wirklichkeit – so insgeheim das Credo der Fans von Trump und Konsorten – möge doch bitte so einfach beschaffen sein, dass man sagen kann „Ich fühle, dass es wahr ist, also ist es wahr“. Und ihre innere Wirklichkeit, die ist tatsächlich so einfach beschaffen.Weiterlesen »

Karlsruhe: Schafe halten Wölfe für ungefährlich

Ein Kommentar zur Ablehnung des Verbots der NPD durch das Bundesverfassungsgericht

Wenn unsere Gegner sagen: Ja, wir haben Euch doch früher die […] Freiheit der Meinung zugebilligt – , ja, Ihr uns, das ist doch kein Beweis, daß wir das Euch auch tuen sollen! […] Daß Ihr das uns gegeben habt, – das ist ja ein Beweis dafür, wie dumm Ihr seid!
Joseph Goebbels, in einer Rede vom 4. Dezember 1935

Den alten, knarzigen, antifaschistischen Haudegen Fritz Bauer hatte ich hier ja schon vor einigen Wochen zitiert – „Man darf Humanität nicht mit Schwäche und Schlappheit verwechseln“, hatte der einmal in einem Interview gesagt. Genau das hat aber meiner Meinung nach das Bundesverfassungsgericht mit der erneuten Ablehnung des Antrags auf Verbot der NPD getan. In einer Zeit, in der das Gespenst des Rechtspopulismus immer riesiger über den demokratischen Gesellschaften schwebt, hält man es in Karlsruhe nicht für nötig, genau dagegen ein klares Zeichen zu setzen und wenigstens die allerradikalsten der neuen Rechten in ihre Schranken zu verweisen, sondern macht weiter mit einer Toleranzpolitik, die eben genau den Fehler begeht, vor dem Bauer warnt: sie tritt dem Neofaschismus nicht human und entschlossen gegenüber, sondern lässt ihn in treuherziger Naivität im Namen der Meinungsfreiheit einfach weiter agieren, wobei man sich einzureden versucht, er sei nicht so sehr gefährlich und es werde schon nichts Schlimmes passieren.Weiterlesen »

Entsetzen und Trauer um die Opfer des Autoterrors !

So oder ähnlich müssten Tag für Tag die Schlagzeilen lauten, wenn Bevölkerung und Medien nur halbwegs Realitätssinn hätten. Jeden Abend „Brennpunkte“ und „ZDF Spezials“ zu Hauf, die jüngst in Mode gekommenen Nachrichtenticker vermelden alle paar Minuten neue Schwerverletzte und alle paar Stunden neue Todesopfer, Reporter berichten ständig live von den Schauplätzen der schlimmsten Unfälle des Tages, „Experten“ erläutern den Hergang der jüngsten Unglücke auf Deutschlands Straßen, die Polizei informiert rund um die Uhr, der Verkehrsminister kommt vor lauter Interviewanfragen kaum zum Regieren, die Opposition fordert endlich Konsequenzen, das ganze Land ist in einem durchgängigen Schockzustand.

Ja, denn im deutschen Straßenverkehr sind auch im gerade abgelaufenen Jahr wieder mehr als 3000 Menschen umgekommen, der ADAC schätzt die Zahl für 2016 vorläufig auf 3280 [1]. 3280 Tote, das bedeutet ziemlich genau 9 Tote Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Alle 32 Stunden kommt so die Zahl der Opfer des Berliner LKW-Anschlags vom Dezember 2016, des ersten islamistischen Anschlags in Deutschland, der einheimische Todesopfer forderte, zusammen. Mit tödlicher Präzision addieren sich die Opfer Woche für Woche – diese Woche etwa 60, nächste Woche wieder 60, darauf die Woche wieder und immer so weiter [2]. Allein: es interessiert niemanden.Weiterlesen »

Reiche Bürger, armer Staat – Privates und öffentliches Vermögen in Deutschland von 1992 bis 2015

Alle Menschen, die ein großes Gemeinwesen wie z.B. Deutschland bilden, zahlen nach bestimmten Regeln einen Teil ihres Geldes in gemeinschaftliche Kassen ein, die als öffentliche Haushalte die Finanzierung verschiedenster Aufgaben übernehmen, welche entweder für Einzelne zu umfangreich wären oder aus anderen Gründen besser in der Hand des staatlichen Gesamtkollektivs aufgehoben sind, wie z.B. der Polizei- und Justizapparat oder das Bildungswesen. Außerdem sind diese Gemeinschaftshaushalte natürlich dafür zuständig, die gröbsten sozialen Ungerechtigkeiten, die im Kapitalismus zwangsläufig bestehen, abzumildern und auch denen, die wenig oder garnichts besitzen, ein einigermaßen erträgliches Auskommen zu sichern. Wichtig ist die gesamtgesellschaftliche Solidarität, die sich aus gemeinschaftlichen Kassen finanziert, natürlich auch beim Zugang aller Bürger zu einer gesundheitlichen Versorgung und bei der Absicherung gegen Verarmung im Alter oder auch bei Erwerbsunfähigkeit. Wir kennen die genannten Einzahlungen in die Gemeinschaftskassen als Steuern und Sozialabgaben.

Ökonomisch gesehen existieren also 2 prinzipiell verschiedene Sektoren in den modernen Gesellschaften: auf der einen Seite der private und auf der anderen Seite der öffentliche bzw. staatliche Sektor. Den privaten Sektor kann man aufteilen in Privathaushalte und private Wirtschaftsunternehmen (Kapitalgesellschaften), und letztere noch unterscheiden in Finanzielle Kapitalgesellschaften (also Banken, Versicherungen u.ä.) und Nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften (also alle anderen Unternehmen). So tun es das Statistische Bundesamt und die Bundesbank, die regelmäßig Zahlen zu diesen 4 grundlegenden volkswirtschaftlichen Sektoren veröffentlichen. In diesem Beitrag soll es um das Vermögen der 4 Bereiche und seine Entwicklung in den letzten zwei Jahrzehnten gehen. Diese ist nämlich sehr aufschlussreich.Weiterlesen »

Der unkontrollierte Körper ~ Der Mythos vom steuernden Gehirn ~ (Teil I)

Die Natur hat keinen Anfang und kein Ende. Alles in ihr steht in Wechselwirkung, alles ist relativ, alles zugleich Wirkung und Ursache, alles in ihr ist allseitig und gegenseitig; sie läuft in keine monarchische Spitze aus; sie ist eine Republik.
Ludwig Feuerbach

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1. Das Gehirn als Kontroll- und Steuerungsorgan

Die moderne Neurowissenschaften und ihre Teildiziplinen Neurologie, Neurobiologie, Neuropsychologie, Neurophilosophie usw. sind seit einigen Jahren auch für ein breiteres Publikum immer interessanter geworden, versprechen sie doch ganz neue Erkenntnisse bezüglich der Sicht des Menschen auf sich selbst und bezüglich der Vorgänge, die sich in komplexen biologischen Systeme, sprich: höheren Lebewesen abspielen. Neuerdings gibt es außerdem so seltsame Fachgebiete wie Neurotheologie oder Neuro-Marketing, was die große Wichtigkeit unterstreicht, die den neuen Entdeckungen von einem großen Teil der scientific community und der interessierten Öffentlichkeit beigemessen wird. Ob dabei immer der Mehrwert an Erkenntnis und neuem und anderem Verständnis der Wirklichkeit erzielt wird, den die Vertreter der Zunft behaupten, scheint nicht selten eher zweifelhaft. Dies soll hier aber nicht weiter erörtert werden.

Im Mittelpunkt fast aller neurowissenschaftlichen Untersuchungen und Überlegungen steht das Gehirn. Diese bei höheren Tieren extrem komplexe, hoch vernetzte Ansammlung von Nervenzellen wird als Dreh- und Angelpunkt des gesamten Organismus angesehen. Was die Beziehungen zwischen Gehirn und anderen Teilen des Körpers angeht, so ist die Alltagsauffassung die, dass das Hirn eine Steuerungszentrale ist, die den anderen Teilen des Körpers, insbesondere den Muskeln, per Nervensignalen Befehle sendet, und diese Körperteile dann „im Sinne des Gehirns“ funktionieren. Das Gehirn wird gedacht als beherrschendes Organ des Körpers, als die „monarchische Spitze“ aus dem Feuerbachschen Eingangszitat, die über den restlichen Organen thront und sie steuert und befehligt. Vermutlich werden die allermeisten LeserInnen diese Ansicht intuitiv teilen.Weiterlesen »

Laurie R. Santos über Beeinträchtigungen durch „Perspektivansteckung“ ~~~ Ein Nachtrag zu „Herr K. und die neuen Rechten“

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Hier noch ein Postscriptum zum Artikel „Herr K. und die neuen Rechten“. Der aktuellste Text der US-amerikanischen Wissenschaftsseite www.edge.org handelt wie auch mein Text von dem sozialen Ansteckungseffekt, dem Menschen unterliegen. Die Yale-Psychologie-Professorin Laurie R. Santos berichtet in ihrem Beitrag „Glitches“ (= Pannen, Störungen) wie psychologische Forscher in den letzten Jahren klarer herausgearbeitet haben, dass Menschen auch im kognitiven und moralischen Bereich unbewusst von schlechten Problemlösungen – mit anderen Worten: von der Dummheit – anderer Menschen negativ beeinflusst werden (in meinem Beitrag ging es ja eher um einen emotionalen Ansteckungseffekt). Santos arbeitet dabei interessanterweise mit Tieren (Rhesusaffen und Hunden), um über die Tier-Mensch-Unterschiede die Funktionsweise der menschlichen Kognition besser zu verstehen. Der recht lange Artikel, der aber in einigermaßen leichtem Englisch geschrieben ist, ist sehr lesenswert; wer es lieber audiovisuell mag: es gibt den Text auch als Video  — beides unter: https://www.edge.org/conversation/laurie_r_santos-glitches . Für alle, die nicht soviel Zeit haben, hier eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:Weiterlesen »

Herr K. und die neuen Rechten

Niemand irrt für sich allein.
Er verbreitet seinen Unsinn auch in seiner Umgebung.
Seneca

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Meine Lieblingsgeschichte von Brechts Herrn K. ist „Vaterlandsliebe, der Haß gegen Vaterländer“ und geht so:

Herr K. hielt es nicht für nötig in einem bestimmten Land zu leben. Er sagte: „Ich kann überall hungern.“ Eines Tages aber ging er durch eine Stadt, die vom Feind des Landes besetzt war, in dem er lebte. Da kam ihm entgegen ein Offizier dieses Feindes und zwang ihn, vom Bürgersteig herunterzugehen. Herr K. ging herunter und nahm an sich wahr, daß er gegen diesen Mann empört war, und zwar nicht nur gegen diesen Mann, sondern besonders gegen das Land, dem der Mann angehörte, also daß er wünschte, es möchte vom Erdboden vertilgt werden. „Wodurch“, fragte Herr K., „bin ich für diese Minute ein Nationalist geworden? Dadurch, daß ich einem Nationalisten begegnete. Aber darum muss man die Dummheit ja ausrotten, weil sie dumm macht, die ihr begegnen.“

Im Deutschland der Zehnerjahre des 21ten Jahrhunderts trifft man zwar keine Offiziere aus Feindesland mehr auf der Straße. Aber ein in vielen Ländern auf dem Vormarsch befindlicher Rechtspopulismus zieht auch bei uns mit seinem aggressiven Geplärr nicht nur viele unkluge Menschen in seinen Bann, die ihrem Drang zum Mitplärren nachgeben; er droht auch seine oft deutlich intelligenteren Gegner ebenfalls dumm werden zu lassen. Weiterlesen »